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EINLEITUNG
Das Weib als poetisches Individuum, als riothwendige, eingeborne Gestalt der Dichtung, vollendet sich erst in der christlichen Poesie. Darum ist es so oft und mit Recht behauptet, dass von jenem Weibe, welches Gott selbst würdigte, den Heiland der Welt zu gebären, dass von ihr, der Gottgebärerin, erst die unendliche Bedeutung des ganzen Geschlechts ausgehe. Diese tiefe, unendliche Bedeutung ist es, die dem Weibe der antiken Welt mangelt, und darum ist selbst die verklärteste Frauengestalt, welche die antike Poesie hervorgebracht: Antigone, nicht viel mehr als der plastisch gewordene Begriff einer Gattung.
Wenn aber das Drama es ist, in welchem der Geist der Poesie sich in seiner wahren Unendlichkeit offenbart, so stehen wir eben damit schon, dass wir uns die Idee des christlichen Dramas in ihrer reinsten Verklärung zu erfassen bemühen, bei dem grössten Dichter aller Zeiten, bei Shakspeare. Das Shakspeare'sche Drama ist also der eigentliche Gegensatz des antiken, sein Gegensatz zugleich und seine Vollendung. In diesem neuen Bunde, den der Geist der Poesie mit der Menschheit gestiftet, ist erfüllt worden, was beim Untergange der vorchristlichen Welt nur als Verheissung zurückblieb.
Eng und einseitig ist der Kreis und die Bewegung des antiken Dramas. Zeitsitte und Staatsleben sind die Phasen, von denen es ausgeht. Weit über diese Phasen hinaus aber hebt sich das Shakspeare-drama; denn was in ihm zur Offenbarung kommt, ist die Geschichte der Welt und in ihr die Weltgeschichte des Individuums. Versuchen wir diesen Gedanken auszudrücken in der Weise unseres Jean Paul: weil im Shakspearedrama neben dem Makrokosmus der Welt der Mikrokosmus des Individuums sich abspiegelt, so ist durch den unvergänglich-ewigen Cyklus dieser Dichtungen das Menschenherz oder die Menschenseele, wie sie dahinzieht in ihren ewigen Freuden und Schmerzen, dahinzieht zwischen den Sternen des Himmels und den Schatten der