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Vorbemerkung
Es gibt einen Gesichtspunkt, welcher keines Beweises bedarf: der Gesichtspunkt der Verdächtigung.
Er wird in letzter Zeit in der wissenschaftlichen und publizistischen Literatur über das Drama und das Theater immer aufdringlicher spürbar. Suspekt erscheint nicht nur jeder Versuch, die dramatische Theorie zu erneuern, sondern auch jeder Gedanke an die Zukunft des Dramas und des Theaters. Manch einem sind ihre angeblich zu großen Freiheiten ein Dorn im Auge. Andere halten nicht viel davon, mit Hilfe der Bühne zur Veränderung der bestehenden Verhältnisse beizutragen. Wird das Theater nicht immer mehr zu einer Zugabe der Konsumwelt? Ist nicht sogar Brecht schon salonfähig geworden? Madit sich auf der Bühne nicht immer mehr das Amüsierprinzip breit? Derartige Fragen bestimmten nicht nur Neulinge, sondern auch zahlreiche erfahrene westliche Intellektuelle zu wenig rosigen Prognosen.
Somit mußte die Frage nach der Kraft und der Misere des modernen Theaters am Beginn meiner Arbeit stehen. Das um so mehr, als das vorliegende Buch im Verlaufe einer Diskussion geschrieben wurde, die ich dank dem großzügigen Entgegenkommen von Herrn Prof. Dr. Wolfgang Baumgart während eines ganzen Semesters mit Studenten der Freien Universität in Berlin führen durfte. Es ergab sich dabei ganz von selbst, daß eine Reihe von Fragen offenblieben. Dafür bestärkte sich meine Hoffnung, daß die hier vorgebrachten theoretischen Vorschläge als Grundlage einer weiteren Diskussion dienen können. Das Thema beschäftigt mich seit mehreren Jahren. In Bulgarien veröffentlichte ich darüber einige später in einem Buch gesammelte Aufsätze. Es war mein Wunsdi, mit dem vorliegenden Werk zu einem Abschluß meiner Forschungen zu gelangen. Da das Manuskript nun vor mir auf dem Tisch liegt, überkommt mich das gleiche Gefühl, erst ganz am Anfang zu stehen, das ich hatte, als ich das Thema in Angriff nahm. Ein wenig tröstet mich der Gedanke, es liege das möglicherweise an der Natur des Stoffes.
Zu größtem Dank verbunden bin ich der Alexander von Humboldt-Stiftung, die mir ausgezeichnete Arbeitsbedingungen gewährte und es mir ermöglichte, längere Zeit in Deutschland zu arbeiten, um dieses Buch vorzubereiten und abzuschließen. Herr Prof. Dr. Dr. h. c. Hans Mayer nahm von dem Projekt meiner Arbeit Kenntnis. Ich bedaure, daß es mir nicht gelang, den namhaften Gelehrten für die von mir vertretenen Gesichtspunkte zu gewinnen. Um so dankbarer bin idi ihm, daß er mir trotzdem seine Unterstützung gewährte. Weiterhin danke ich Herrn Dr. Harald Zielske, der alles tat, um mir meine Lehrtätigkeit in Berlin zu erleichtern, Herrn Prof. Dr. Rolf Badenhausen, der mir die Gelegenheit verschaffte, einige meiner Thesen in der Kölner Universität vorzutragen, sowie Herrn Prof. Dr. Peter Szondi für seine kritischen Bemerkungen zu einzelnen Thesen meiner Arbeit. Bei der Gestaltung des deutsdien Textes war mir Herr Norbert Randow in freundschaftlicher Weise behilflich, wofür ich ihm ebenfalls meinen Dank sage. Berlin-Dahlem, im März 1970