Bővebb ismertető
Begegnungen
mit Johannes Heesters
Vorwort von Georg Markus
Erstens möchte ich auch hundert Jahre alt werden. Und zweitens möchte ich dann so klug sein wie er. Wenn ich an Johannes Heesters denke, fällt mir der 5. Dezember 2003 ein, an dem er seinen 100. Geburtstag feierte. Es gab Ansprachen von Freunden, Kollegen und Politikern, wie das so üblich ist. Doch nach der Pause erlebte ich etwas, das bei einem Jubilar dieses Alters eher ungewöhnlich ist. Da stellte er sich auf die Bühne des Wiener Konzerthauses und sang. All die Schlager, die man seit Jahrzehnten von ihm kennt - eine Stunde lang: »Man müßte Klavier spielen können«, »Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen«, »Jede Frau hat ein süßes Geheimnis« und zu guter Letzt »Heut geh ich ins Maxim«.
Das Erstaunliche war, dass besagter Auftritt nicht wie der eines hundert Jahre alten Mannes wirkte. Johannes Heesters strahlte vielmehr wie in seinen Glanzzeiten. Die Zuschauer feierten ihn nach jedem Lied mit Standing Ovations, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte.
Warum aber halte ich Johannes Heesters für klug?
Nun, er hätte es sich leicht machen können. Er hätte in dem vorliegenden Bildband nur die strahlenden Seiten seines Lebens - an denen doch wahrlich kein Mangel herrscht - zeigen können und sonst gar nichts. Doch er weist auch auf die düsteren Jahre hin. Und dokumentiert denTag, an dem er das KZ Dachau besuchte.
Das ist der Grund, warum ich ihn für klug halte. Verschwiegen, verdrängt, verharmlost wurde von Künstlern, die in der Zeit des Nationalsozialismus Karriere machten, genug. Heesters tut das nicht. Er hat nie geleugnet, an jenem 21. Mai 1941 in Dachau gewesen zu sein, wo man ihm und anderen Schauspielern ein »geordnetes Lagerleben« vorgaukelte. Nach Dachau gefahren zu sein war ein Fehler, zu dem er steht, und er schämt sich, »dass es den Nazis gelungen ist, uns dorthin zu locken«. Aber den Vorwurf, er wäre voreinerWachmannschaftderSS aufgetreten - was in derTat mehr als geschmacklos gewesen wäre -, hat er immer zurückgewiesen. In diesem Buch werden zum ersten Mal alle 27 Photos gezeigt, die während des Besuchs von Heesters in
Dachau aufgenommen wurden. Ihm selbst ist es mit Hilfe seiner Frau Simone Bethel und der Autorin Beatrix Ross nach mehr als sechs Jahrzehnten gelungen, diese Bilder aufzutreiben. Und er gab sie zur Veröffentlichung frei. Die Aufnahmen zeigen, dass kein einziges Photo existiert, auf dem er singt - und man kann davon ausgehen, dass eine Gesangsdarbietung des gefeierten Film- undTheaterstars natürlich photographiert worden wäre.
Als ich ihn kennenlernte, war er noch ganz jung -achtzig. Ich schrieb damals einen Zeitungsbericht, weil er sich mit einem Auftritt an der Wiener Volksoper »für immer« von der Rolle seines Lebens, Graf Danilo, verabschiedete. Keiner verstand, warum dies seine letzte »Lustige Witwe« sein sollte, so kräftig und voller Elan wirkte er. Das nächste Mal traf ich ihn, als er neunzig war. Und dann wieder mit 97. Damals lud ich ihn im Österreichischen Rundfunk zu einem Abend, an dem er aus seinem Leben erzählte. Und auch da fand er, als wir auf die Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen kamen, klare Worte der Distanz.
Das Publikum war glücklich, »einmal noch« den großen Johannes Heesters erleben zu dürfen. Doch der dachte auch im Alter von 97 Jahren nicht daran, abzutreten. Also bat ich ihn mit 99 zu einem weiteren Interview. Es war gar nicht so leicht, seiner habhaft zu werden, denn der gute Mann befand sich gerade aufTournee. »Entschuldigen Sie, dass ich nicht gut rasiert bin«, begrüßte er mich vor derVorstellung in irgendeiner bayerischen Kleinstadt. »Der Dreitagebart ist für die Rolle, die ich heute Abend spiele.«
Ja, er spielte eine Rolle. Mit 99!
»Ich kann nicht anders«, erklärte er mir. »Ich bin seit über achtzig Jahren amTheater. Hätte ich zu spielen aufgehört, würde ich vielleicht nicht mehr hier sitzen.«
Das Erstaunliche für mich war, dass er mit seinen 99 Jahren agiler, zufriedener und frischer wirkte als bei den Begegnungen zuvor. »Es gab schon Zeiten, in denen ich mich nicht so wohlfühlte«, bestätigte er meinen Eindruck. »Aber jetzt geht es mir gut, ich bin gesund, mir tut nichts weh. Meine Knie, die mich