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Volker Press
5.1 Martin Luther und die sozialen Kräfte seiner Zeit'
Das Bild von Luthers Stellung zu den sozialen Kräften der Zeit ist von überraschender Eindeutigkeit, auch wenn die Positionen zuweilen wechseln, auch wenn bei Luther durchaus divergierende Meinungen vorliegen - man kann einen Lernprozeß feststellen, eine Horizonterweiterung, die sich sehr deutlich in den Bemerkungen der Tischreden etwa spiegelt - andererseits aber auch eine Verfestigung der Positionen nach Enttäuschungen, die Mark Edwards jüngst sehr stark betont hat.^ Luther war ein erratischer Block in den öffentlichen Diskussionen seiner Epoche, aber er war durchaus an ständische Positionen gebunden, nicht nur an theologische.
Der Primat der Theologie in seinem Denken macht es freilich schwer, Luthers sozialen Standort auszumachen. Biblische Werturteile, Gesellschaftsvorstellungen, Modelle fließen immer wieder in Luthers Beurteilungen der eigenen Zeit ein - durch den Vorrang seines theologischen Denkens gewinnt er damit eine Position außerhalb der Gesellschaft. Andererseits schlägt sich gerade in Luthers Bibelübersetzung sehr häufig seine konkrete soziale Umgebung nieder. Biblische Anschauung und konkrete Erfahrung durchdringen sich immer wieder bei dem sächsischen Reformator; im Alten und im Neuen Testament finden sich in Luthers Ubersetzung die konkreten Anschauungen des sächsischen Landesstaates wieder. Diese Problematik soll hier nicht vertieft werden, sie zeigt aber, daß es nicht ganz leicht Ist, Luthers Position zur Gesellschaft seiner Zeit auszuloten.
So erscheint es nicht unwichtig, zunächst Luthers eigene Position in der sozialen Welt seiner Zeit zu skizzieren. Die Eigenständigkeit seines Denkens, sein stetes Festhalten am Primat von Theologie und Glauben lassen eine simple Ableitung der Äußerungen des Reformators aus Herkunft und Bildung etwa im Sinne eines »klassengebundenen Standpunkts« obsolet erscheinen. Aber Luther hat doch bestimmte regionale und soziale Segmente der deutschen Gesellschaft des frühen 16. Jahrhunderts aus einer ganz genau festzulegenden Perspektive erlebt - es Ist zu erwarten, daß daraus auch seine
' Es handelt sich um die ursprüngliche, für den Vortrag gekürzte Fassung des Textes, die seither noch einmal überarbeitet wurde. Zu danken habe ich KuRT-Victor Selge (Berlin) für den intensiven Austausch bei der Vorbereitung der Tage, für anregende Gespräche und Hinweise Bernd Moeller (Göttingen) und Gottfried Seebass (Heidelberg). Für die kritische Durchsicht des Textes habe ich Herrn cand. theol. et phil. Tilman Schröder zu danken.
^ Mark U. Edwards, Luther and the False Brethren, Stanford 1975. - Oers., Die Polemik des alten Luther, in: GÜNTER VoGLER (Hg.), Martin Luther. Leben-Werk-Wirkung, Berlin 1983, S. 265-278.