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EINFÜHRUNG
Den ungarischen Gradualien aus dem 16. bis 17. Jahrhundert wurde bis vor kurzem nur ein literarisch-historisches Interesse beigemessen. Auf ihre musikalische Bedeutung hat Zoltán Kodály bereits 1937 hingewiesen, als er über die aus der Gregorianik in die Volksmusik gelangten Melodien sagte: »Ob sie unmittelbar aus den liturgischen Gesängen mit lateinischem Text in die ungarischen Volkslieder übernommen worden sind oder auf dem Weg über ungarische Gradualien, wird man durch weitere eingehende Forschungen feststeilen müssen.«' Auch Szabolcsi äußerte sich in diesem Sinne: »Wie die Praxis der Gregorianik in Ungarn entstanden ist und sich weiterentwickelt hat, das zeigt am klarsten die ansehnliche Anzahl der Gradualien. . ., deren reiches (zweifellos über eine Fülle von selbständigen Zweigen verfügendes) musikalisches Material vorläufig noch auf eingehende Bearbeitung wartet In den Melodien des Batthyány-Graduales und seiner Nachfolger sind ziemlich klar lokale Neigungen, der Hang zur Selbständigkeit zu verfolgen.«^ Rajeczky betont angesichts des Wertes der Melodien die Notwendigkeit eines Vergleichs: ». . . Die Verbindungen zwischen den ungarischen Gradualien und den protestantischen Gesangbüchern aber sind gerade in der ungarischen Kirchenmusik des Mittelalters nicht geklärt. . .«''
Nach der Befreiung im Jahre 1945 hat in Ungarn eine systematische und großzügige Erforschung der Musikgeschichte und der Volksmusik eingesetzt. Auch das umfangreiche Melodienmaterial unserer Vergangenheit sollte musikalisch untersucht werden. Im Jahre 1953 hat die Kommission für Musikwissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften Kálmán Cs. Tóth und den Verfasser dieses Buches offiziell beauftragt, die Gradualien des 16.—17. Jahrhunderts zu sammeln, zu untersuchen und mit dem entsprechenden ungarischen und ausländischen musikalischen Material zu vergleichen.
Die eingehenden Untersuchungen in den vergangenen Jahren haben ergeben, daß wir hier einen bedeutenden Zweig unserer Musik vor uns haben, dem in der schwersten Zeit der ungarischen Geschichte eine wichtige Aufgabe bei der Erhaltung des Ungartums zufiel. Unser Auftrag lautete, diese Musikkultur zu rekonstruieren.
In der Zeit, als die Gradualien gesammelt wurden, haben wir in einer Studie das Eperjeser Gradúale veröffentlicht. Dabei wurden die Hauptzüge und die Rolle der Gradualien sowie die Verbindung zwischen ihren Hymnen und den mittelalter-
¦ KodályNíp, S. 48.
» SzabolcsiMagy. S. 12.
> RaJeczyPraef, S. 233.