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Norbert Greinacher
auf dem weg zur gemeindekirche
Wenn eine Religion in der Geschichte fortleben will, bedarf sie einer organisatorischen Form, bedarf sie der Institutionalisierung. Ohne Institution oder Organisation hat die Religion keine Chance zu überleben. Gleichzeitig bedeutet aber die Institution immer eine gewisse Gefahr für die Religion. Sie birgt die Möglichkeit der Erstarrung und der Profanisierung in sich. O'Dea hat es so ausgedrückt: „Institutionalisierung macht das Heilige ziemlich gewöhnlich. Religion bedarf sowohl der Institutionalisierung, wie sie auch unter ihr leidet."
Audi die katholische Kirche unterliegt diesem Dilemma der Institutionalisierung. Audi sie ist auf die Institution angewiesen und leidet gleichzeitig unter ihr, dies um so mehr, als diese Institution nicht ein für allemal gegeben ist, sondern in dauerndem Wandel begriffen ist. Dieser Wandel hat zwei Ursachen. Zum einen ist die Kirche selbst eine geschichtliche Größe und damit der Wandlung unterworfen. Karl Rahner wird nicht müde, darauf hinzuweisen, daß die Kirche in der Geschichte steht, ja, daß sie wirklich Geschichte ist. Die bleibende Struktur der Kirche holt sich selbst in ihrer eigenen Geschichte erst langsam ein. Diese bleibende Struktur ist nicht nur Voraussetzung dieser Geschichte, sondern selbst Thema dieser Geschichte. „Die Kirche wird, weil sie ist, und sie ist, indem sie wird", sagt Karl Rahner. Dazu kommt, daß auch die Gesellschaft keinen Stillstand kennt. Audi sie ist in einem dauernden sozialen Wandel begriffen. Wenn wir eine bestimmte Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt betrachten oder analysieren, müssen wir uns klar sein, daß es sich gleichsam nur um eine Momentaufnahme handelt und daß sich im nächsten Augenblick die Situation schon wieder verändert hat. Dieser Wandel in der Sozialform der Kirche und der soziale Wandel der Gesellschaft vollziehen sich nun nicht auf zwei verschiedenen Ebenen, sondern diese beiden Wandlungsprozesse sind in einer Linie zu sehen. Der soziale Wandel der Gesellschaft beeinflußt die Sozialform der Kirche, und die konkrete Gestalt der Kirche beeinflußt die profane Gesellschaft.
An dieser Tatsache des Wandels der Kirche wird vor allem derjenige nicht vorbeigehen können, der einen Blick in die Sozialgeschidite der Kirche wirft. Während die Apostel- und die Jüngergemeinde zu Lebzeiten Jesu, soziologisch gesehen, der Sozialform der Sekte sehr nahe kamen — zahlenmäßig kleine Gruppe, Betonung des persönlich-inneren Engagements, enge Bindung der Glieder untereinander, charakteristisches Meister-Jüngerverhältnis —, entwickelte sich die Urdiristen-gemeinde nach dem Pfingstereignis, soziologisch betrachtet, immer mehr zu einer Bruderschaftskirche mit sehr gemeinschaftsbetontem Charakter, betonter Zurückhaltung gegenüber der Welt und isolationistischen Tendenzen sowie mit einer starken Betonung des Gleichheitsprinzips. Allmählich aber traten die institutionellen Züge immer mehr in den Vordergrund. Der Unterschied zwischen Klerus und Laien trat stärker in Erscheinung, die Ämter des Diakons, des Presbyters und des