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Karfreitag als Gedenktag und als Feier
Friedrich Wulf SJ, München
Der heutige Tag hat für Christen seinen einzigen Sinn im Bedenken und in der „Feier" des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Er ist Gedáchtnistag und Feiertag. In den Gottesdiensten der christlichen Kirchen wird die Passionsgeschichte nach Johannes gelesen. Man ruft die Ereignisse des ersten Karfreitags in Erinnerung. Aber nicht so, wie man sonst eines geschichtlichen Ereignisses oder eines lieben Menschen gedenkt. Karfreitag ist mehr. Was damals in Jerusalem geschah, hat für den Glaubenden durch alle Zeiten hindurch Gegenwartsbedeutung. Es betrifft ihn jeweils von neuem und ganz persönlich. Um seines Leidens und Sterbens willen ist Jesus nach dem Glauben der Christen zum Retter der ins Unheil verstrick-ten Menschheit geworden, hat Jesus der Welt die Hoffnung gegeben, trotz der immer wieder sich einstellenden Katastrophen, trotz aller Ungerech-tigkeiten und Grausamkeiten, trotz der nicht aufhörenden blutigen Aus-einandersetzungen doch nodi ins Heil zu kommen. Man spricht heute gern von der bleibenden Wirkungsgeschichte des Ereignisses von Golgata. Aber die Wirkungsgeschichte der Passión Jesu ist wesentlich tieferer Art als etwa die Wirkungsgeschichte der französischen oder der russischen Revo-lution. Auch sie wirken bis zur Stunde nach; auch sie habén für viele an Aktualitát nichts verloren. Aber ihre Akteure sind tot. Anders hier. Jesus wurde nádi dem Glauben des Evangeliums auferweckt; er lebt und ist mitten unter uns gegenwártig: im Wort, das verkündet und geglaubt wird, im Sakrament des Brotes und Weines, in der Gemeinschaít der Glaubenden. Und mit ihm ist auch seine Lebensgeschichte gegenwártig: die Erweise seiner Liebe und die Zustimmung des Volkes, Mifierfolg und Feindschafi, sein Leiden und sein Tod. Sie alle sind nicht vergangen; sie sind auf-gehoben in ihm, dem Lebendigen. Noch mehr: Kierkegaard sprach von der Gleichzeitigkeit des Lebens Jesu mit dem Leben der Christen aller Zeiten. Dafi es so ist, war von je her christliche Uberzeugung. Jeder, der glaubt, ist je von neuem mit dem Ereignis des Leidens und Sterbens Jesu Christi konfrontiert, als gescháhe es hier und jetzt.
Von da her kommt nun der gláubigen Meditation des Karfreitags-geschehens etwas sehr Unmittelbares und Spontanes zu. Der Christ ist aufgerufen, in das Erinnerte wie in etwas Gegenwártiges miteinzugehen. In den Karfreitagsliturgien der christlichen Kirchen, aber auch etwa in der Bachschen Mattháuspassion, die zum religiösen Mitvollzug aufruft, scheint die geschichtliche Distanz wie aufgehoben. Betroffen steht hier der Glau-