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Michel Butor: Ich hasse ParisIch hasse Paris. Ich bin gezwungen, außerhalb zu wohnen, mehrmals pro Woche mit dem Zug, mit dem Bus, dem Auto in diese Stadt zu fahren; ich bin eines jener zahllosen KörperAen des Vorortblutes, das unablässig vom städtischen Herzen eingepumpt wiid.. Vor einigen Jahren nodi wäre es für mich undenkbar gewesen, nicht im Zentrum von Fans, gemuer: auf dem linken Seine-Ufer, zu wohnen. Reisen, gewiß, reisen soviel wie möglich, so weit wie moghcii und fur lange Zeit, aber wie konnte man woanders seinen Heimathafen haben.(Sie sind im Viertel der Möbelfabrikanten: die zunächst ziemlich monotone Rue du faubourg Saint-Antome wird belebter, geschäftiger, je weiter Sie kommen. Sehen Sie nach links, nach redits, jede Toreinfahrt gibt den Blick frei in eine Folge von Höfen, erfüllt von Betriebsamkeit, in die hineinzuwagen man sich ein wenig fürditet.)Ich hasse Paris. Zerschlagen kehre ich von dort zurück; sobald ich miA auf den Rückweg mache, legt sidi Müdigkeit wie ein Mantel auf meine Schultern. Wieder werde ich zur Métro hasten müssen, die automa-tisdie Tür wird sich gerade vor meiner Nase schließen; auf dem Bahnsteig wird eine dichte Menge von Leuten stehen, die es ebenso eilig haben wie ich, die genauso wie icJi die verrinnenden Minuten der Verspätung zählen; wieder werde ich mir eine Lücke in der dichten Masse sdiaffen müssen, um mich in den Wagen schieben, die Türen sich schließen lassen zu körmen, damit der Zug anfährt Wenn ich fern war von Paris, war die Stadt für mich wie eine Wunde, ich sehnte mich nach der Rückkehr, nach memen geliebten Quais, den Kirchen, meinen gehebten Buchhandlungen, Galerien, Bistrots, nach dem Gang der Frauen tmd den Wolken. Wenn der Zug sich der Stadt näherte, welche Erregung! (Porte de la Villette, am Canal Saint-Denis entlang, dann zum Canal de VOurcq bis zum Beiken mit seinen Brük-ken, seinen Kränen, seinen Lastkähnen. Dann kommt man zur Place Stalingrad, der ehemaligen Zollschranke Saint-Martin in der Stadtmauer der Fermiers Généraux. Die hier oberirdische Métrolinie 2, Nation-Dauphine, macht auf ihren strengen dorischen Eisensäulen einen Bogen um die Reste des noblen Baus von Ledoux, mitten in einer Landsdiaft aus Schornsteinen und hohen, tristen Gebäuden.)Ich hasse Paris. Ich weiß, daß gerade dann kein Taxi an der Haltestelle stehen wird, werm ich am dringendsten eines brauche, daß die Autobusse überfüllt sein und die Verkehrsampeln beharrlich für die Autos Grün zeigen werden, wenn ich die Straße überqueren will, daß ich auf den Bürgersteigen midi immer gegen den Strom der Leute bewegen muß, die sich in die Büros, die Werkstätten und Läden begeben oder aus ihnen kommen. Ich weiß, daß ich immer wieder Verabredungen verpassen werde. Erirmere dich: Nach deiner Ankunft tauchtest du ein in die Bewegung auf den Avenuen, das Brausen des Verkehrs erfüllte dich wie eine Brise. Ja, das gab es noch, du prüftest es nach, du hattest also mit deiner Abreise keine allzu große Unvorsichtigkeit begangen, das alles hatte lücht deine Abwesenheit ausgenutzt, um zu verschwinden wie ein Trugbild, wie das Blendwerk eines Zauberers.(Der Kanal führt unter der Place Stalingrad hindurch, dann beginnt der Canal Saint-Martin. Zwischen den baufälligen Häusern und Werkstätten hat man ein paar Lücken gerissen, um dort Schulen und Kindergärten unterzubringen. Das Wasser fließt durch eine Reihe von Schleusen. Als ich das letzte Mal dort war, waren die meisten Becken leer, weil sie gereinigt wurden. Kanalarbeiter in hohen Stiefeln liefen auf dem Boden umher.)Jetzt hasse ich seine Prahlerei, sein Geschwätz, seine Küchengerüche.Jetzt fange ich an, mich von meiner kindlichen Anhänglichkeit freizumachen. Ich habe tücht mehr dieses nagende Gefühl, wenn ich in einer anderen Stadt bin; bei meiner Rückkehr schlägt mein Herz nicht mehr so stark, ich brauche nicht mehr wie früher so etwas wie einen lächerlichen Gesang zu unterdrücken, der mir aufsteigen will, ich zeige nicht mehr den beseligten Gesichtsausdruck, der meine Freunde überraschte und Passanten sich Fragen stellen ließ. Oh, wie habe ich lernen müssen, dich zu hassen, Paris, (Rue du Caire, ein Durchgang läßt Sie in die Stille einer Passage treten; das Glasdach wird von stark beschädigten Gipsarkaden getragen, es hat große Löcher, durch die der Wind weht; hier ist das Reich der Drucker von Visitenkarten und Briefpapier, der Händler für Dekorationsmaterial, Schaufensterpuppen, Gestelle und vor allem Etikette, deren ganze Vielfalt man hier bewundern kann: Ausverkauf, Restposten, Sonderangebot, Neuheiten . . . ,)bösartige, heruntergekommene, geschundene, betrügerische Stadt! Du hast mir geholfen(offenbar war es ganz besonders schwierig, in den Gebäuden dieses Häuserblocks die Leitungen für den elektrischen Strom zu verlegen, denn da ist ein außergewöhnlich kompliziertes Gewirr von Kabeln, Zählern und Sicherungen,)- in der Tiefe deiner Straßenschluchten fliehe ich all die Blicke, die mich für schuldig erklären -du hilfst mir jeden Tag(das Haus Nummer 2 an der Place du Caire, wo die Passage mündet, ist wahrscheinlich das merkwürdigste und