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Geographie und Reisen im 19. JahrhundertProlegomena zu einer allgemeinen Geschichte der Reisen DEM GEDÄCHTNIS HEINRICH SCHMITTHENNERS Von Dr. Hanno Beck, Eschwege(Mit 6 Bildnissen, s. Tafel 1 u. 2)Im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Reisen zu Werkzeugen der Geographie1). Die methodische Beschränkung des geographischen Untersuchungsfeldes auf die Erdoberfläche und ein vom Gegenstand abgeleiteter eigener geographischer Raumbegriff setzten sich durch. Die Geographie konnte nicht ruhen, bis sie ihren Gegenstand ganz kannte, und sie entwickelte die Form der Forschungsreise so weitgehend, daß Entdeckungsreisende gleichzeitig auch Forschungsreisende wurden. Wer aber nur Entdeckungsreisen untersuchen wollte, würde seinen Blick beschränken und müßte z. B. die Betrachtung der mehr literarisch bestimmten Reiseliteratur ausschließen.Die reine Entdeckungsgeschichte vermag nämlich gar nicht sämtliche die Geographie interessierenden Fragen zu berücksichtigen2). Schon Carl Ritter hatte ihr eine zweckmäßige und folgerichtige Leitidee vermittelt, als er sie unter dem Aspekt der Erweiterung der Raumsicht behandelte. Hier wird versucht, auch die Entdeckungshistorie von der Geschichte der geographischen Wissenschaft her zu betrachten. Es geht sicher nicht darum, alle Namen zu nennen; es kommt vielmehr darauf an, den Nachweis zu erbringen, daß Reisen und Entdeckungen zunehmend wissenschaftlich organisiert und von geographischem Denken bestimmt wurden. Die Folgerichtigkeit dieser Betrachtungsweise besteht darin, daß tatsächlich innerhalb der Epochen der Wissenschaftsgeschichte die wachsende Beeinflussung der Reisen durch die Geographie nachzuweisen ist. Es läßt sich also auch in diesem Fall ähnlich wie bei Ritters Idee der Erweiterung der Raumsicht der Tatbestand einer Entwicklung beweisen, den wir als Leitmotiv betrachten müssen, nämlich der wachsende Einfluß der Geographie auf die Entwicklung der Reisen innerhalb der Epochen der geographischen Wissenschaftsgeschichte. Die Aufgabe ist demnach, zu zeigen, wie sich eben dieser Einfluß vollzog.Die notwendige Konsequenz, die sich aus dieser andersartigen Betrachtungsweise ergibt, ist die Erweiterung der Entdeckungshistorie zu einer Geschichte der Reise n3), wobei dieser neutrale Ausdruck die ineinandergreifende Entwicklung von Entdeckungs-, Forschungs- und anderen Reisen er.J) Unter Reisen versteht der "Verfasser alle Unternehmungen, die unsere Kenntnisse von der Erdoberfläche förderten und auch gegenwärtig noch erweitern, also nicht nur Entdeckungs- oder Forschungsreisen. Auch Touristen, Reiseschriftsteller und Dichter haben Reisen mit länderkundlichem Effekt durchgeführt und müssen infolgedessen von der Geschichte der Reisen behandelt werden.2)H. Beck: Methoden und Aufgaben der Geschichte der Geographie. (Erdkunde 1954, H. 1, S. 5157.)3)H. Beck: Entdeckungsgeschichte und geographische Disziplinhistorie. (Erdkunde 1955, H. 3, S. 197204.)P. M. 1957, lfaßt. Deshalb werden in dieser Untersuchimg auch die Reisen innerhalb der Epochen der Disziplinhistorie im Überblick dargestellt, um ihre Abhängigkeit von der Geographie zu zeigen.Das 19. Jahrhundert vollendete die explorative Geographie". Doch sind die Ansätze zu ihr in der Vergangenheit schon beträchtlich. Bis ins 19. Jahrhundert hinein behielten noch Berichte der griechisch-römischen Antike Quellenwert. Barth etwa nahm seinen Herodot" mit auf die Reise, und selbst Ritter und Humboldt mußten versuchen, aus ältesten Quellen Wahrheiten herauszulesen, da das europäische Mittelalter über die bedeutende Entwicklung der antiken Geographie hinaus nur wenig geleistet hatte. Die Beschäftigung mit der antiken Geographie bei Ritter, Humboldt, Mannert und Ukert, aber auch bei Renneil und Malte-Brun, ist der klare Ausdruck einer notwendigen quellenkritischen Auseinandersetzung mit antiken länderkundlichen Überlieferungen, die man zunächst nur theoretisch, praktisch erst durch die Förderung eigener geographisch-explorativer Pläne überwinden oder bestätigen konnte. Ebenso sind die Grundlagen der klassischen deutschen Geographie nicht zu verstehen, wenn die Vorarbeit des 18. Jahrhunderts übersehen wird.1. Die präklassische deutsche Geographie (17501799) als Vorstufe der Entwicklung des 19. JahrhundertsDie Stellungnahme zur Geographie des 18. Jahrhunderts begnügt sich in der Literatur mit auffallend unverbindlichen Feststellungen. Und doch bildet diese Epoche die Grundlage der weiteren Entwicklung. Viele wichtige Fragen wurden bereits von J. M. Franz, Büsching, Gatterer, den beiden Forster und nicht zuletzt von Kant gelöst. Aber die Ergebnisse drangen nicht ins allgemeine Bewußtsein. Die klassische deutsche Geographie beschäftigte sich oft mit Problemen, die sie für neu hielt, während man tatsächlich nur die Vorarbeiten nicht kannte. Desmarest war der erste, der die Talbildung durch Erosion erklärte; er kam zu der wichtigen Scheidung von Hoch- und Tiefebenen. In Deutschland war er beispielsweise R. E. Raspe bekannt, und einzig A. v. Humboldt dürfte mehr von seiner Bedeutung gewußt haben als die sonstigen deutschen Zeitgenossen. Lomonossow untersuchte bereits den Schwarzerdeboden, betrachtete Vulkane als örtliche Erscheinungen, wies auf die Konvek-tionsströme der Atmosphäre hin, entwickelte eine aerodynamische Maschine", die einmal die Erforschung der höchsten Luftschichten ermöglichen sollte. Er erkannte Analogien des Kartenbildes, vertrat den Gedanken' des Nordöstlichen Seeweges und nahm das aktualistische * Prinzip der Geologie vorweg. Es fehlte an Tradition, an fortgesetzter wissenschaftlicher Arbeit von Lehrern und1