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Oswald von Nell-Breuning S] Octogesimo anno
„Quadragesimo anno (expleto)", „Vierzig Jahre sind verflossen" lauten die Ein-gangsworte der Enzyklika, die Papst Pius XI. zum 40-Jahr-Gedachtnis von „Rerum novarum" an die Welt ergehen liefi. Inzwischen liegt diese Enzyklika auch schon wieder 40 Jahre zurück. Von denen, die an ihr mitwirkten, bin schon seit einer Reihe von Jahren ich der einzig Überlebende. So, wie „Quadragesimo anno" (QA) zu-stande kam, dürften Unterlagen, aus denen die Entstehungsgeschichte zu ersehen ware, kaum existieren; die meinigen habe ich, um sie dem Zugrifí der Gestapo zu entziehen, bereits Mitte der 30er Jahre vernichtet. So dürfte es an der Zeit sein, von dem, was noch in meinem Gedachtnis haftet, einiges festzuhalten. Vielleicht ist es auch nicht ohne Reiz, einen Vergleich zu ziehen zwischen der Sicht, wie ich damals als Vierzig-jáhriger meine Aufgabe sah, und wie ich heute als Achtzigjáhriger sie im Rückblick sehe. Der Wandel, den ich da bei mir feststellen mufi, spiegelt nur den Wandel, den die herrschende Auffassung von kirchlicher Lehrautoritát überhaupt und von katholischer Soziallehre im besonderen im gleichen Zeitraum durchgemacht hat.
Die wichtigsten Angaben über den tatsachlichen Hergang bei der Entstehung von QA sind bereits in meinem Beitrag zur 5We/s-Festschrift „Der Königswinterer Kreis und sein Anteil an ,QA"' veröffentlicht1; hier noch einiges über meinen persönlichen Anteil.
In der Absicht, zum 40. Jahrestag der Enzyklika „Rerum novarum" eine neue Sozialenzyklika zu veröfíentlichen, beauftragte Pius XI. unter Umgehung aller vati-kanischen Instanzen (nur der Kardinalstaatssekretar wufíte darum) den sein höchstes Vertrauen genieftcnden Generalobern meines Ordens P. Wlodimir Ledóchowski, mit der Angelegenheit, wobei er bemerkte, einen Groftteil der Arbeit würden die deutschen Patres tun müssen. Daraufhin gab P. Ledóchowski mir den Auftrag, einen Entwurf zu fertigen - nach damaliger Gepflogenheit unter strengster Geheimhaltung; weder mein Hausoberer noch mein Provinzoberer wufiten, welche Arbeit ich für den Ordens-general zu tun hatte. Da niemand in das Geheimnis eingeweiht werden durfte, konnte ich auch niemand zu Rate ziehen und war ganz auf mich alléin gestellt. Woher nahm idi, so frage ich mich heute selbst, den Mut, an eine solche Aufgabe, durch die ich doch völlig überfordert war, heranzugehen?
1 Sozialc Vcrantwortung. Festschrift für Götz Briefs zum 80. Geburtstag. Hrsg. v. J. Broermann u. Ph. Herder-Dorneich (Berlin 1968) 571-585.
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