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ANDREAS MIRECKI / WIENVom Zauber Piatons trotz der Illusion der GerechtigkeitHans Kelsen hat es als Legist sehr gut verstanden, das, was gemeinhin als Gerechtigkeit angesprochen wird, in die Tat umzusetzen. Die Gerichtsbarkeit des öffentlichen Rechts in der österreichischen Bundesverfassung ist im Wesentlichen sein Werk. Die von ihm als Rechtsgelehrtem entwickelte Hermeneutik der Entideologisierung hat mit juristisch fragwürdigen Distinktio-nen aufgeräumt und das Verständnis des Rechtsbegriffes wesentlich gefördert. In dem Aufsatz soll aufgezeigt werden, was bei dieser Art des Zugangs erkannt, was verkannt und auch übersehen werden kann. Kelsens Interesse an der Beschäftigung mit Piaton, andererseits aber seine dabei sich einstellende Enttäuschung scheinen außergewöhnlich. Hiefür wird nach Erklärungen gesucht, die auf überraschende strukturelle Gemeinsamkeiten und damit auf die schier zeitlose, inspirierende Kraft platonischen Denkens weisen.EinleitungAls Hans Kelsen am 19. April 1973 verstarb, hat er zwei umfangreiche unveröffentlichte Werke hinterlassen, die aus dem Nachlass im Auftrag des Hans-Kelsen-Instituts von Kurt Ringhofer und Robert Walter ediert wurden: 1979 die Allgemeine Theorie der Normen und 1985 Die Illusion der Ge-* Der Aufsatz geht zurück auf einen am 15. 11. 2007 vor dem Eranos Vindobonensis an der Universität Wien gehaltenen Vortrag. Juristische und allgemein philosophische Ausführungen nehmen auf ein Publikum klassischer Philologen Rücksicht; die Piatontexte konnten bei diesen Hörern als bekannt vorausgesetzt werden. Die Interpretationen einzelner Platonstellen sind bemüht, das Kelsensche Verständnis derselben nach seiner deutschen Ubersetzung zugrunde zu legen, die dem Verfasser nach Konsultation des griechischen Textes als adäquat erscheint; lediglich Kriton 50 kann man, worauf mich Eugen Dönt hinweist, wohl auch in dem Sinne verstehen, dass eine schlechte Ordnung dem Chaos vorzuziehen sei; bei diesem Verständnis ginge die monistische Auffassung von Staat und Recht verloren. Hans Schwabl und Paul R. Lorenz danke ich für die Durchsicht der schriftlichen Fassung des Vortrages sehr herzlich.