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Modellanalyse als Grundlage unternehmerischer Entscheidungen von Professor Dr. Erich Kosiol, Berlin
Mir ist die Aufgabe gestellt, in neuere Methoden der Betriebswirtschaftslehre einzuführen, die als Unterlage für Entscheidungen in Unternehmungen dienen können. Dabei bin ich ge-beten worden, bei den Zuhörern keine Kenntnisse über das Thema vorauszusetzen. Dadurch soll denjenigen Unternehmern und ihren Mitarbeitern zu einem Verstandnis neuer Ver-fahren verholfen werden, die bisher keine Zeit gehabt habén, sich mit der umfangreichen und schwierigen Literatur im In- und Auslande zu beschaftigen. Fachkenner auf diesem Gebiete bitté ich daher zu entschuldigen, wenn ich ihnen nichts Neues sage. Um so dringen-der erscheint mir aber der Brückenschlag von der modernen wissenschaftlichen Entwicklung zur praktischen Anwendung in der Wirtschaft.
Realwissenschaften, zu denen auch die Betriebswirtschaftslehre gehört, die auf Erfahrungstatsachen der Wirklichkeit aufbauen, gewinnen ihre Ergebnisse mithilfe einer doppelschicbtigen Methodik. Sie erfassen die Realitát zunáchst durch em-pirisch-induktive Forschung und schliefien daran abstrakt-deduktive Untersuchungen an. Die rationale Theorie benötigt beide Erkenntniswege, die sich gegenseitig ergan-zen und erst gemeinsam die volle wissenschaftliche Durchdringung der Phánomene ermöglichen. Die Modellanalyse stellt ein besonderes Verfahren der deduktíven Problemanalyse dar, das auf empirischen Grundlagen ruht und durch Logisierung der betrachteten Erscheinungen Schlufifolgerungen zieht, die Einsichten und Pro-blemlösungen liefern, die sich wiederum auf die Wirklichkeit zu ihrer gestaltenden Bewáltigung übertragen lassen. So führt denkendes Begreifen des realen Geschehens zum handeinden Eingreifen in diese Welt.
Als Galilei die naturphilosophisch-metaphysische Frage nach dem Wesen der Na-turvorgange ausklammerte und nicht mehr untersuchte, warum z. B. ein losgelassener Stein zur Erde falit, sondern durch Versuche feststellte, dafi der Stein in der ersten Sekunde 5 Meter, in der zweiten 15 Meter, in der dritten 25 Meter usw. falit und daraus seine Fallgesetze ableitete, vollzog er den bahnbrechenden Ubergang zur empirisch-experimentell fundierten quantitativen Modellanalyse. Der Siegeszug der Naturwissenschaften und die Anwendung ihrer Ergebnisse in Technik und Wirt-sdiaft sind zugieich der Entwicklungsweg ihrer Modellkonstruktionen. Das stür-mische Fortschreiten der Mikrophysik lafit sich geradezu am Wandel der den Expe-rimenten und Deduktionen zugrundeliegenden Konzeptionen von Atom- und Kern-modellen verfolgen. Das mathematisch erfaCbare Wie des Geschehens und seine be-rechenbare Prognose bilden den Kern dieser Methodik.