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Mechthilde KütemeyerKörperschmerz - Angst - Seelenschmerz als árztliches ProblemJedes Individuum hat ein Recht auf Schmerzfreiheit. Dieses Versprechen der Welt-gesundheitsorganisation (WHO) ist irreführend und hat in der Medizin fatale Folgen. An-gesichts von 3 Mio. Menschen mit therapieresistenten Schmerzen alléin in den altén Bundeslándern (Egle und Hoffmann 1993) bei immer raffinierteren Möglichkeiten der Schmerzbekampfiing in der Medizin drángt sich die Frage auf, ob nicht haufig am eigent-lichen Leiden vorbeitherapiert, ob chronische Schmerzen nicht sogar gezüchtet werden, wenn Angst und Seelenschmerz keinen gebührenden Platz in der Schmerzbehandlung habén. Leiden ist auch ein Menschenrecht, sagt Conrad Lorenz. Wer den Schmerz nur vermeiden will, verwirkt dieses Recht; der Arzt, der den Schmerz nur bekampft, ohne ihn zu verstehen, macht dem Patienten dieses Recht streitig.1. Schmerz und AngstDer akuté organische Schmerz hat Warn- und Schutzfunktion; er sorgt dafür, daB (árzt-liche) Hilfe gesucht wird. Am heimtückischsten sind die Krankheiten, die ohne Schmerz beginnen, z. B. Krebs oder eine diabetische Gangrán. Angeborene Schmerzunempfind-lichkeit hat multiple (Selbst-)Verletzung zur Folge, z. B. schwere Gelenkschádigungen, da die schmerzhafte Rückmeldung bei Überlastung ausbleibt (Critchley 1979, Jewesbury 1951, Baxter und Olszewski 1960).Schmerz wird beschrieben als sinnlicher Zweifel, der entsteht, wenn ein Zellverband geschádigt, wenn Eigenes durch Fremdes bedroht wird. Im Schmerz kámpft der Leib um die Entscheidung, ob das betroffene Organ bei ihm bleibt oder sich von ihm trennen muB. Schmerz ist alsó nicht Folge einer vollzogenen Trennung, sondern Ausdruck einer schwe-benden Entscheidung (Weizsácker 1926).Schmerzfáhigkeit ist ein Indikátor fur die libidinöse Besetzung des Körpers, des Selbst: es ist eine Beziehung, ein Gefiige, eine Ordnung da, die nicht schmerzlos gestört werden kann (Weizsácker 1926). Abnorme Schmerzunempfindlichkeit macht Selbstentfremdung sichtbar; sie ist bei autistischen Kindern (Bettelheim 1984, 74f.), Psychose-Kranken, Dro-genabhangigen (auch nach dem Entzug) und Magersüchtigen bekannt; sie setzen sich der Kálte und Verletzungen aus, bemerken Knochenbrüche nicht oder können sie gelassen übergehen. Diesen Patienten ist gemeinsam, daB ihnen durch Liebesentzug/MiBhandlung (bei Magersüchtigen eher überprotektives Bemuttert-Werden), die Fahigkeit, sich selbst und ihren Körper zu lieben, verloren gegangen ist. Die emotionale Selbstentfremdung bei Karzinom-Kranken (Bahnson 1986) könnte verstándlich machen, warum sie Schmerzen in der Regei lange nicht spüren.Unter Schmerzforschern herrscht inzwischen Übereinkunft, daB der persistierende Schmerz eine eigene Erkrankung darstellt, die eigenen Gesetzen folgt, und daB die Chro-