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Wo stand die Wiege der Menschheit? Wo liegen die Wurzeln unserer Kultur? Lange Zeit gab es darauf nur eine Antwort: im alten Hellas im Mittelmeerraum! Doch dann fand man heraus, daß auch die Griechen nicht alles selbst erdacht hatten. Viele ihrer Erkenntnisse waren von der kretisch-mykenischen Kultur übernommen, zu mancher Entdeckung waren sie von den Bewohnern des Inselstaates angeregt worden. Aber auch . dieses Weltbild sollte sich bald als unvollkommen erweisen. Die Wurzeln unserer Kultur reichen viel tiefer.Als Napoleon seinen Feldzug nach Ägypten unternahm, schlug er nicht nur die Mameluckenheere, sondern er entdeckte auch eine uralte Kultur für uns aufs neue. Im Angesicht der Pyramiden rief er aus: Soldaten, vierzig Jahrhunderte blicken auf eudi herab! Die ägyptische Kultur war um ! lahrtausende älter als alles, was man bisher kannte. Die Menschheitsaeschichte reichte plötzlich in tiefste Urzeit zurück. Vieles, was man bis dahin den Griechen zugeschrieben hatte, war hier bereits gedacht, entworfen, modelliert und entdeckt worden. Die Astronomen, die Mediziner und Mathematiker waren zu großartigen Erkenntnissen gekommen; die Bewässerungsingenieure benutzten mathematische Formeln und konnten nach dem Stand der Gestirne das Herannahen der Flut exakt vorausberechnen, der Ursprung der Hieroglyphen läßt sich bis in das dritte Jahrhundert vor der Zeitrechnung zurückverfoUen. Und das erstaunlichste: Über mancherlei Umwege - über die : Sinai-Handschrift und die Alphabetisierung durch die Phönizier - wurden die Hieroglyphen zur Grundlage unserer heutigen Schrift.Aber waren die Ägypter wirklich die ersten, die UrschöDfer. bei denen alles begann?Auch auf der Arabischen Halbinsel wurden die Menschen schon früh zu höchsten geistigen Anstrengungen gefordert, und im Wettstreit der Talente formten sich Persönlichkeiten: Heerführer, Könige, Baumeister, Philosoplien, Mathematiker und Astronomen, die den Zeitenlauf bereits auf die Minute genau zu berechnen wußten. Man erfand den Ziegel, baute daraus Häuser, Tempel und Paläste, türmte sie hoch auf zu Stufenpyramiden, die älter sind als die ägyptischen.Der fruchtbare Halbmond ersteht vor unseren Augen: eine Ballung alter Hochkulturen auf engem Raum. Schlägt man zwei Kreisbögen mit unterschiedlichem Radius, die vom Nil über den Isthmus von Sues bis zum Persischen Golf reichen, so ergibt sich das einprägsame Bild eines Halbmondes, der Ägypten, Palästina, Syrien und Mesopotamien - den heutigen Irak - umfaßt. Wie - Sternschnuppen leuchten daraus Städte hervor.die einstmals Reiche und Kulturzentren repräsentierten: Theben, Memphis, Jerusalem, Thyros, Sidon, Biblos, Damaskus, Ninive, Assur, Babylon und Ur. Zwar gehört Ägypten nicht mehr zur Arabischen Halbinsel, doch sind seine Kultur und seine Entwicklung so eng mit Mesopotamien verbunden, fanden so viele wechselseirige Befruchtungen statt, daß man das Pharaonenreich nicht aus diesem Halbmond von Kulturen ausklammern kann.Der fruchtbare Halbmond bildete damals eine Art einsame Insel, wo man der Entwicklung der Menschheit um Jahrtausende vorausgeeilt war. Je weiter man sich aus seinem Bannkreis entfernte, um so mehr verblaßte das Licht, um so spärlicher waren die Leistungen menschlicher Schöpferkraft. Es war wie der Abstieg in urzeidiche Verhältnisse: Auf den Trümmern des alten Trojas werden bereits die Mauern für ein zweites Troja errichtet; auf dem griechischen Festland sind gerade die ersten stadtähnlichen Siedlungen zu bemerken ; auf dem weiter nördlich sich anschließenden Balkan beginnt erst die Bronzezeit; im Gebiet des späteren Frankreichs ist man noch weiter zurück, ist die Kunst des Metallschmelzens noch unbekannt, und man bedient sich der Steinaxt. Ex Oriente lux - aus dem Osten, aus dem Orient kam das Licht!Die Angaben der Bibel hatten die Forscher des vorigen Jahrhunderts dazu angeregt, auf der ArabischenHalbinsel nach Überresten alter Hoch-kulturen zu forschen. In dem wohl ersten Roman der Menschheit, den Reiseerinnerungen des Ägypters Sinuhe aus dem Jahre 1900 v. u. Z., wurde ausführlich über Mesopotamien berichtet. Doch inzwischen war das Zweistromland unwirtlich geworden, hatte sich stellenweise in Wüste zurückverwandelt. Sollte es tatsächlich einmal einen Turm zu Babel gesehen haben, ein Königreich der krieserischen Assyrer, eine Sintflut und die legendäre Stadt Ur?