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Der Salon: Raum bürgerlicher Selbstfindung 507DER SALON -RAUM BÜRGERLICHERSELBSTFINDUNG.In den Grundrissen von Bürgerhäusern, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Stuttgart gebaut werden, konkretisiert sich die Idee des Salons auch architektonisch: Der Salon ist ein Raum und eine gesellige Institution zugleich. Er liegt in der Beletage, ist der größte (Wohn-) Raum des Hauses, seine Fnsterfront ist betont gestaltet oder mit einem Balkon versehen: Wie das Handlungs- und Wohnhaus Friedrichstr. 24 des Kaufmanns Duvernoy, 1817 durch den Ob. Baurat von Fischer ausgeführt, oder wie die Wohnräume über dem Café Silber, 1804 von Landbaumeister Azel in der Königsstraße Nr. 45 erbaut. Entscheidend ist die Trennung zwischen Salon und Wohnzimmer oder Hauptzimmer, wie es im zeitgenössischen Sprachgebrauch zuweilen heißt.In seiner Funkoon und Gestaltung anders als das höfische Vorbild - Kunstgenuß und politische Meinung haben sich jetzt vom adeligen Mäzen und der damit verknüpften wirtschafdichen Abhängigkeit gelöst - setzt sich im bürgerlichen Salon die Idee einer neuen Geselligkeit programmarisch um. Gleichzeitig wird der Wohnraum von dem Bereich der repräsentativen Geselligkeit abgetrennt, er erhält privateren Charakter und wird in verschiedene Bereiche differenziert: Der Flur wird separiert und Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer werden nach ihren Funktionen benannt.Salon und Wohnzimmer, außen und innen, geselliges Betragen und familiäre Intimität: Der bürgerliche Habi-ms formt sich seinen Raum. Der Salon ist Nahtstelle zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Produktionsund Reproduktionssphäre. Auf bürgerlichen Zimmer-porträts der Zeit geht der Blick des Betrachters nicht zufällig zum Fenster: Erst im Kontrast zum Draußen, der Ferne wird die Heimeligkeit des Innenraums erfahren.' Bilder höfischer Salons hingegen zeigen den Blick entlang der Fenster und durch offene Türen in tiefe Raumfluchten. Der Salon ist Ort der Gespräche über Literatur, Kunst, Politik, Wissenschaft und Musik. Hier wird das umfassende bürgerliche Bildungsideal, das bedingt auch die bürgerlichen Frauen mit einbezieht, erprobt und demonstriert. Schöngeistige Literatur wird aber nicht nur im theoretischen Diskurs gewürdigt, sondern auch erfahren, nachgefühlt. Im Kreise der Familie und der Freunde wird mit verteilten Rollen gelesen, durchreisende Berühmtheiten werden dazu geladen und die normalerweise einfache Bewirtung - Tee und Brot - gerät dann zum Festessen. Die Beschreibungen des gesellschafdichen Lebens in Stuttgart verwenden so gut wie nie den Begriff Salon, sie sprechen von offenen Häusern, nennen die Zusammenkünfte schlicht Kränzchen und betonen, daß Fremde willkommen sind. Allerdings wird nicht jeder willkommengeheißen. Selbst Goethe spricht erst mit einem Empfehlungsschreiben von Schiller bei dem alteingesessenen Kaufmann Rapp im Kontor vor, und beide gehen dann zusammen zu dem Bildhauer Dannecker. Wer in Stuttgart dazu zählt, weiß das und kennt sich eben. Und so trifft sich ein immer wieder ähnliches Publikum an verschiedenen Orten: dienstags in der russischen Gesandtschaft, donnerstags abwechselnd bei Geheimrat Hartmann oder bei Minister Wangenheim. Beim einen wird mehr gelesen, beim anderen mehr disputiert. Meinungen und Standpunkte werden ausgetauscht, in der Tat auch bürgerliche Pohtik gemacht. Allabendlich treffen sich die honorablen Männer in Danneckers Antikensaal, zum Lesen, Reden, Singen und gemeinsamen Betrachten neuer Gemälde und Kupferstiche, inspiriert durch das Ambiente und die Kopien antiker Kunstwerke. Während Frauen hier ausgeschlossen sind, sind sie im Salon oder Kränzchen mit dabei. Therese Huber, Redakteurin beim Morgenblatt für gebildete Stände, beschreibt in einem Brief, wohl eher idealtypisch, ein solches Treffen: Matthisson und Frau, die Frau des Kupferstechers Duttenhofer, Reinbeck, der Sonnettdichter Freimund Reimar (Rückert) und wir. Es wird festgesetzt gelesen. Die Ministerin Wangenheim, Reimar, Luise und ich machen die Konversation, oft sehr geist- und lebensvoll.^ Selten sind solche Belege, in denen Frauen eine aktive Teilnahme bescheinigt wird. Hierin ist Stuttgarts Bürgerwelt nicht vergleichbar mit Paris, Berhn, Jena oder Wien. Die herausragende Stellung, die dort Frauen wie etwa Henriette Herz zukommt, spüren wir hier nur in leisen Andeutungen. Eher gelten die Pflichten der Hausfrau: Als flink wie ein Reh wird etwa Frau Rapp von Heinrich Voss beschrieben. Dieses Rappsche Haus (heute Neubau Rehn an der Stiftskirche) gehört zu den vier bekanntesten Treffpunkten in Stuttgart. Und es gibt natürlich Leitfiguren auf dieser bürgerlichen Bühne: Neben dem Buchhändler Cotta, dem Präsidenten des Obertribunals Georgii und Geheimrat Hartmann, auch dessen Schwiegersohn Reinbeck, zählt der Kaufmann Gottlob Heinrich Rapp (1761-1832) zu den herausragenden Persönlichkeiten der Stuttgarter Kulturszene. In seiner Jugendzeit reist er nach Paris, ist eng befreundet mit Cotta und mit seinem Schwager Bildhauer Dannecker, mit dem Maler Hetsch und gut bekannt mit vielen anderen berühmten Zeitgenossen. Von Haus aus Kaufmann, betätigt er sich als dilettierender Künstler, als Kunstmäzen, Schriftsteller und Staatsbeamter. 1807 errichtet er mit Cotta eine Steindruckerei, daneben ist er Mitarbeiter beim Morgenblatt, schreibt in Cottas Taschenbuch für Natur- und Gartenfreunde, dichtet Prosa in der Frauenzeitschrift Flora und leitet die neugegründete Landessparkasse. Er bemüht sich um die erste Kunstausstellung in Stuttgart im Jahr 1812 und forciert die Gründung des württembergischen Kunstvereins 1827.