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Volker Press
Südwestdeutschland im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons'
Press, Südwestdeutschland
Südwestdeutschland um 1790 —das war eine scheinbar ruhige Welt. Der letzte große Krieg, den es unmittelbar erlebt hatte, war der Österreichische Erbfolgekrieg (1740-1749) gewesen; er lag vier Jahrzehnte zurück. Danach hatte die österreichischfranzösische Allianz von 1756 jenes Spannungsfeld kollabieren lassen, in dem viele südwestdeutsche Territorialherren ihre Eigenständigkeit praktiziert hatten. Zugleich war damit bis zur Revolution eine Quelle dauernder Kriege zugeschüttet. Jene letzte Phase des Ancien Régime erscheint heute dem Historiker unter der milden Sonne einer Spätzeit. Aber unter der Decke hatte sich bereits manches bewegt.
Aus dem Erbe der Staufer hatte der Südwesten die territoriale Zersplitterung mitbekommen, eine Vielfalt kleiner Gewalten, die sich unter rechtlicher Absicherung durch den Reichsverband behaupteten. Reichsprälaten, Reichsgrafen, Reichsritter und Reichsstädte bildeten mit den großen Territorien Vorderösterreich, Württemberg, Baden sowie den Fürststiften Augsburg, Konstanz, Basel, Straßburg, Speyer, Ellwangen und Kempten die Glieder Südwestdeutschlands - sie gehörten meistenteils zum Schwäbischen Reichskreis. Einzelne Grafenhäuser, wie die Zollern, die Fürstenberg, Hohenlohe, Dettingen, waren zu fürstlicher Würde aufgestiegen, erbländische Familien, wie Liechtenstein, Dietrichstein, Traun-Abensberg bzw. Windischgrätz, Auers-perg oder Eszterhazy, hatten im Kreis Fuß gefaßt und damit die alten Bindungen zu Österreich verstärkt. Aber die neuen Fürsten erreichten nicht die Bedeutung der altfürstlichen Häuser.
Der Schwäbische Reichskreis war das politische Dach dieser kleingegliederten Welt und suchte ihre übergeordneten Probleme zu regulieren, vom Chausseebau bis zum Unterhalt des gemeinsamen Zuchthauses in Ravensburg. Hinzu kamen noch militärische Funktionen, und die Generalsränge des
Kreises waren begehrte Posten für seine fürstlichen und gräflichen Glieder. Der Kreistag traf sich traditionsgemäß in Ulm, wo der Kreis auch seine Kanzleien hatte, und praktizierte eine Philosophie des >Leben und Leben-lassen<. Von den beiden kreisausschreibenden Fürsten trat der Bischof von Konstanz erheblich hinter den dominierenden Herzog von Württemberg zurück, der aber durch den starken österreichischen Einfluß gebändigt war. Auch hatte er unter dem Druck von Reichs- imd Kreisrecht seine vormals expansiven Tendenzen zurückstecken müssen. Baden war wieder konkurrenzfähig geworden, als 1771 der evangelische Markgraf von Baden-Durlach nach dem Aussterben des katholischen Hauses Baden-Baden die gesamten zähringischen Lande in seiner Hand vereinigte. Karl Friedrich war ein aufgeklärter Reformer, ja ein förmlicher Musterfürst, gegen den der bedeutende, aber unruhige und herrische Stuttgarter Herzog Carl Eugen weitaus barocker wirkte.
Die kleingesplitterte Welt Südwestdeutschlands war geprägt durch kulturelle Vielfalt und ausgeprägte Individualität, die bis heute den großen Reichtum des Landes ausmacht. Kleine Residenzen, reichsritterschaftliche Sitze, Reichsstädte gaben dem Südwesten ein vielfältiges Bild. Kaiser und Reichsrecht stützten diese Welt. 1648 hatte man den Schießkrieg durch den rechtlichen Krieg zu ersetzen getrachtet - der Westfälische Friede garantierte die territoriale Ordnung, also auch die Existenz der Kleinen, er garantierte zugleich ihre Verfassung. Damit aber verhinderte die Rechtsordnung des Reiches auch vielfach die Modernisierung. Die Folge waren fortwirkende Konflikte, die sich häufig in Prozessen vor dem Reichshofrat in Wien niederschlugen: Bürgergemeinde gegen reichsstädtischen Rat, Untertanen gegen Landesherren, Dom- bzw. Stiftskapitel gegen ihren Prälaten.