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Berliner Luft - Berliner Tempó - Berliner Schlagfertigkeit: Fluidum einer Stadt, die lebendig ist wie kaum eine andere. Was prágt ihr Antlitz? Was unterscheidet ihre Einwohner von den Bewohnern anderer Stádte? Ein verwegener Menschenschlag ist es nach Goethe, der Kluges und Richtiges sagt über diese Verwegenheit, die doch am Ende nichts weiter war als das Sichbehauptenmüssen unter allén Umstánden, auch in widrigen, und die in dér Wahl der Mittel dazu nicht sehr wáhlerisch sein konnte und sein durfte. Es gehörten harte Fausté dazu, harte Fausté für den kleinen Mann in Berlin, um im Lebenskampf nicht den kürzeren zu ziehen. Für die Poesie des Daseins blieb in den Hinterhöfen, Kellerwohnungen und Mietskasernen wenig Zeit und kaum Gelegenheit. Was gab trotz allém der Stadt ihren Zauber,.machte sie seit gut 250 Jahren zum liebevoll bespöttelten Spreeathen? Es fiel das Wort zuerst in einem Lobgedicht. Was der Berliner inoffiziell über diese ersten Jahrzehnte des Aufstiegs zur Weltstadt dachte, das steht allerdings auf einem anderen Blatt. Denn im Jahre 1701 wurde Berlin zwar königliche Residenz und erfuhr damit eine gesteigerte Bautátigkeit, aber zwei Jahre spáter muBte auch ein Armendirektorium eingerichtet werden, um wenigstens der áuBersten Not zu steuern. Und im Jahre 1710 erlebten die Berliner den Bau eines Pesthauses auf dem Gelánde der heutigen Charité und 1714 die Einebnung des beim Schlosse gelegenen Lustgartens als Exerzierplatz. Es war nicht weit her mit PreuBens Glanz und Glória. Wáhrend die Stadt ihr bauliches Antlitz erhielt, die StraBe Unter den Linden zu einer PrachtstraBe wuchs, seit 1695 am Zeughaus gebaut wurde, der bekannte Baumeister und Bildhauer Schlüter in ewiger geldlicher Misere mit dem Umbau des Schlosses bescháftigt war, das alte Köllnische Rathaus zwecks Errichtung eines neuen 1709 abgerissen wurde, hungerte - wenn wir den altén Aufstellungen des Armendirektoriums trauen - ein groBer Teil ihrer Bevölkerung. Noch 1788 war es jeder zehnte Einwohner, der vom Armendirektorium verpflegt wurde, weil ihm die eigenen Mittel dazu fehlten. Das waren Verháltnisse und Lebensumstánde, die ein gut Teil der Verwegenheit dieses Menschenschlages erkláren, sicher auch seine Schnoddrigkeit und Schlagfertigkeit - und die Hartnáckigkeit, mit der die Berliner aus der einstigen Hauptstadt des Militárstaates PreuBen schlieBlich die Hauptstadt des ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates, der Deutschen Demokratischen Republik, schufen. Es war ein langer, steiniger Weg von der kleinen Handelsniederlassung auf ein paar trockenen Sandhügeln im Sumpf der Spreeniederung bis zu den hellen, in Grünfláchen eingebetteten Hochháusern um den Fernsehturm im Herzen des neuen Berlin, lm Zentrum unserer Hauptstadt, wo heute die Geschicke unseres Staates gelenkt werden, in dem Viereck zwischen dem Staatsratsgebáude am Marx-EngelsPlatz, dem Haus des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, dem Ministerium für Kultur und dem Sitz des demokratischen Magistrats von GroB-Berlin, dem Rathaus, entstand Berlin vor über siebeneinhalb Jahrhunderten. Schon im Mittelalter, nachdem die Zwillingsstádte Berlin und Kölln um 1200 an der schmalsten Stelle zwischen zwei Höhenzügen, dem Teltow und dem Barnim, an einer Furt durch die Spree in Höhe der heutigen Mühlendammbrücke entstanden waren, hieB es für die Einwohner, sich vor den allzu frechen Übergriffen des márkischen Adels zu schützen. Dieser niedere márkische Adel - zu hoch dafür geboren, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen - lebte von Raub und Brandschatzung, und mit gutem Grund betete das einfache Volk Berlins in seiner Angst und Abneigung vor dem Raubrittertum der gehobenen Gesellschaftsschichten: Vor Köckeritzen, Lüderitze, Vor Köcher, Kracht und Itzenplitze Behüt' uns, lieber Herre Gott! So blieb es auch, als Berlin Residenzstadt wurde. Bis ins 15. Jahrhundert hinein hatten es Berlin und Kölln zwar verstanden, ihre Unabhángigkeit landesherrlichen Bestrebungen gegenüber zu verteidigen. Zuletzt sogar damit, daB sie dem Landesfürsten 1442 den Zutritt zu seinem Absteigequartier und seiner Kanzlei, dem Hohen Haus in der KlosterstraBe, verweigerten und nach der Unterwerfung noch einmal 1448 gegen den Bau einer Zwingburg an der Spree in dem sogenannten Berliner Unwillen protestierten und die inzwischen ausgehobenen Baugruben durch Öffnen der Wehre unter Wasser setzten. Aber es half alles nichts. Fast 500 Jahre residierten die Hohenzollern als Landesherren in ihrem ResidenzschloB, und Stadt und Bürger hatten sich zu fügén. Diese schweren Jahrzehnte sind auch zugleich die Zeit, in der sich wesentliche Ánderungen im Sprachgebrauch der Berliner vollzogen. Bis dahin war die Sprache der Einwohner das niederdeutsche Platt gewesen. Ein vom Besucher unserer Stadt noch heute mit groBem Interesse besuchtes Denkmal dieser Zeit ist der mit Verstándnis und betráchtlichem materiellem Aufwand restaurierteTotentanz auf dem Mauerwerk in der Turmhalle der Marienkirche. Hier wurde dem Betrachter in knappén und prágnanten Inschriften in der niederdeutschen Sprache zu Wandmalereien des spáten 15. Jahrhunderts eine wesentliche antifeudalistische Erkenntnis des mittelalterlichen Bürgertums vermittelt, daB námlich vor dem Tode alle gleich sind: der Kaiser und der Bettler, der Papst und der Bettelmönch, der Edelmann und der Bauer. Dieses Platt wurde allmáhlich von der Sprache des nun in Berlin residierenden Hofes, vom Oberdeutschen, verdrángt, und der Rat der Stadt holté sich seine Stadtschreiber bald aus dem Obersáchsischen, womit die meiBnische Kanzleisprache als stádtische Amtssprache ihren Einzug hielt. Neuen groBen Zustrom fremden Sprachgutes, abgesehen von vielen Ausdrücken aus der jüdischen Sprache, erfuhr der sich allmáhlich bildende spezifische berlinische Dialekt, als mit der Einwanderung der Hugenotten nach dem Potsdamer Edikt von 1685 eine betráchtliche französische Kolonie in Berlin entstand. Wird die Zahl der bis 1700 eingewanderten Hugenotten doch auf etwa 5000 geschátzt, das ist etwa ein Fünftel der damaligen Gesamtbevölkerung. Ein so wesentlicher Anteil schlágt sich selbstverstándlich auch in der Umgangssprache nieder. Heute noch spricht der Berliner, wenn er geringfügige Kleinigkeiten charakterisieren wiíl, von Kinkerlitzken (frz. quincaillerie = wertlose Kleinigkeiten), und er geht zum Friseur (frz. friser = kráuseln). Überhaupt wird der Besucher Berlins, den dieses Buch zum Freund unserer weltoffenen Stadt machen will, sich über Bildhaftigkeit und Anschaulichkeit des Berlinischen wundern, ohne daB es ihm im Augenblick des Erlebnisses dieser Stadt und der Begegnung mit ihren schlagfertigen Einwohnern überhaupt klar wird, wie viele dieser spezifischen Ausdrücke ihren Ursprung in weit, weit zurückliegenden Zeiten habén. Er wird bald, wie jeder Einheimische, wenn das Wechselgeld wieder einmal knapp ist, seine Sechser, das heiBt seine Fünfpfennigstücke, zusammensuchen, ohne sich über das Wort Sechser zu wundern, das noch aus der Zeit stammt, als der alte Groschen zwölf Pfennige hatte und nicht zehn wie jetzt. Er wird verstándnisvoll lácheln, wenn ihm jemand wohl-