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ZUR EINFÜHRUNG Was den Fremden, der Erfurt besucht, so stark anspricht und den Einheimischen seine Stadt lieben láfit, ist das Alte, das überall in das Neue hineinragt, und das Neue, das mit dem Altén eine Einheit geworden oder zu werden auf dem Wege ist. Wir können auch sagen: Es ist der Atem der Geschichte, der diese Stadt durchweht. Er ist spürbar in den Kunstformen des Mittelalters und der begin= nenden Neuzeit, er ist ebenso spürbar in allém, was die Gegenwart geschaffen hat oder schafft. Wohin wir auch beim Durchstreifen der Stadt blicken, was wir auf Schritt und Tritt wahrnehmen, es ist Gestalt gewordene Geschichte - und das ist etwas anderes als Geschichte gewordene Gestalt: Erfurt ist kein Museum, sondern es lebt, weil es alt und jung zugleich ist.Trotzdem beschránken wir uns im wesentlichen auf das alte Erfurt. Nicht nur, weil das dem Charakter der Kulturhistorischen Reihe entspricht, innerhalb deren das Buch erscheint, sondern vor allém darum, weil es immer nützlich ist, die Wurzeln zu erkennen, aus denen der heute zu neuer Fruchtbarkeit gelan= gende Baum sich náhrt. Wo könnten diese Wurzeln sichtbarer sein als in den Gebauden und Gegenstánden, die für uns Zeugen des Vorwártsdrángens frühe= rer Zeiten sind? Wir begnügen uns alsó nicht mit Angaben über Ort, Zeit und Art dessen, was auf den Bildern zu sehen ist, sondern fragen: Was war gesche= hen und was geschah, als dieses oder jenes Gebáude entstand, dieses oder jenes Kunstwerk geschaffen wurde? Was trieb und bewegte dieMenschen, die es schu= fen? Welches waren die allgemeinen Verháltnisse, für die es ein Ausdruck wurde? Keine der altén Kirchen, keines der altén Háuser, keine Schmuckform und kein geistiges oder wirtschaftliches Erzeugnis besteht aus sich selbst und für sich selbst. Sie alle sind, ebenso wie die grófién Mánner, die mit der Geschichte Erfurts verbunden sind, ein Bonifatius, ein Meister Eckhart, ein Martin Luther, Ausdruck ihrer Zeit und der Kráfte dieser Zeit. Denn das alte Erfurt war ebenso wie das neue ein Gemeinwesen, das sich in Bewegung und Entwicklung befand, in einer Entwicklung gesellschaftlichen Lebens, die einer heute klarer als früher erkannten Gesetzmáfiigkeit unterliegt.Über den Strom dieser gesellschaftlichen Entwicklung schlagen wir einige Brük= ken, um die Kráfte und Geschehnisse des jeweiligen Zeitabschnitts deutlicher erkennen zu können: zunáchst bei der Zeit um 1300, als Meister Eckhart in Er= furt weilte, dann beim 16. Jahrhundert, als Luther Student und Mönch in Erfurt war, schliefilich bei dem Jahre 1664, als Erfurt durch Kurmainz weithin seiner Selbstándigkeit beraubt wurde, bis es 1802 zu Preufien kam und die Geschichte des altén Erfurt ihr Ende fand. Denn zur Zeit Meister Eckharts kam es nach dem Erringen von Ratssitzen durch die Innungen 1283 zum ersten Aufstandi309/i0, dessen Ergebnis die Beteiligung der Gemeinde an der Verwaltung der wirt= schaftlich und geistig aufierordentlich aufblühenden Stadt war. In Martin Lu= thers Erfurter Zeit fiel der zweite Aufstand, das tolle Jahr 1509/10; das erste 7