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Das Erzgebirge, das Land mit dem verheißungsvollen Namen, gehört nicht zu den «großen Land-sdiaften», die überwältigen. Es hat auch nicht den bizarren Charakter der Sächsischen Schweiz, die Lieblichkeit des Spreewaldes oder die stille Einsamkeit der Mecklenburgischen Seenplatte. Es hat nichts Aufregendes, aber vieles, was es zu bewundern und zu lieben gibt.
Fast scheint es dem von Norden her kommenden Reisenden, als ob dieses Gebirge kein Gebirge sei. Langsam hebt sich - ohne markanten Übergang vom Tiefland her - eine sanftwellige Hochfläche als Keilscholle empor bis zum Kamm, wo sie jäh abbricht, zum abgesunkenen Egergraben (Ohre-graben) hinab. Von dort aus allerdings bietet sich das Bild eines echten Gebirges, das schon im Mittelalter mit der Mauer seines Steilabfalles eine Naturgrenze gegenüber Böhmen zog. Es ist eine verlockende Wanderlandschaft, dieses Erzgebirge, zu Fuß im Sommer, mit dem Schneeschuh im Winter. Man steigt hinauf von Dresden aus durch die engen Täler der Weißeritz, der Müglitz oder der Gottleuba in das Ostgebiet des Gebirges, oder von Karl-Marx-Stadt die Zschopau oder Flöha entlang hinan zum westlichen Teil — immer wieder öffnet sich von den Randhöhen, von Türmen und Burgfenstern, von Waldlichtungen und steilen Hängen aus ein sanftwogendes Bergland. Sanftgrün entrollt sich das Gefilde über Wiesen und Weiden, über Felder und Wälder, immer wieder gesprenkelt von menschlichen Behausungen, kalkhell die Häuser, schiefergrau die Dächer. Und der kräftige Wind weht die Würze des Waldes herüber . . .
Das ist der eigene Reiz des Erzgebirges - diese weite Sicht über dunkle Waldflächen im Wechsel mit hellen Felderstreifen, in die der Mensch mit formender Kraft, stärker als in anderen Landschaften, seine vielfähigen Zeichen gesetzt hat, die
Straßen und Dörfer und Städte, die Ackerkulturen und die rauchenden Industriewerke. Eine Landkarte, die der Fleiß der Menschen in die Natur gezeichnet hat. Es ist eine lebenerfüllte Atmosphäre, die über dem Erzgebirge liegt. Stark prägen sich Erinnerungsbilder ein: der aufbrechende Frühling mit seinen aperen Äckern, auf denen kaum noch ein paar Schneefetzen hängen blieben, mit seinen kargen, gebleichten Bergwiesen und mit dem unablässigen Geriesel aus allen Moospolstern. Und vor allem - das Krokustal bei Dre-bach, wo Tausende von bläulichen zarten Kelchen über den Hang ein lila Seidentuch breiten . . . Dann der Herbst mit seinem blaßblauen Himmel und den von leuchtend roten Ebereschen gesäumten Straßen, die über die Hochebene führen . . . Oder der Erzgebirgskamm im Winter bei Zinnwald, bei Rittersgrün, bei Carlsfeld: tiefgebeugt die dem Sturm ausgesetzten Gipfelfichten, eine schneebeladene Schar eingemummter, geheimnisumwitterter Gestalten, alles Gegenständliche von dickem Rauhreif umzogen. Die Welt eine Sinfonie nur noch in Weiß und Schattenblau . . . Dann aber im Sommer: ein abendlicher Höhenweg oberhalb der alten Bingenstadt Geyer - der Blick gleitet weit über die satten Fluren und umfaßt im Rund die vulkanische Kette von Pöhlberg, Bärenstein und Scheibenberg bis zum Urgestein-Massiv des Fichtel- und Keilbergs (Klinovec). Schwere Wolkenbänke lasten über den Basaltrücken. Aber durch die Wolkenspalten schießen gelbe Abendsonnenblitze, die die alte Bergstadt Annaberg, hoch aufgetürmt am Hang, grell anleuchten. Schwarzviolett liegen schon die Talweiten. Da rückt der Pöhlberg plötzlich in gleißendes Licht - eine Farbenvision, rauschhaft wie von Kokoschka, die unerwartet wieder verlischt und in das Dunkel der heraufziehenden Nacht versinkt. Begegnungen mit der Landschaft des Erzgebirges. 5