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WIENER ZEITRECHNUNGDR. MARIA NEUSSER-HROMATKADie Lage Wiens an der Grenze zwischen den sanft ausklingenden Hängen der Alpen und der weiten ungari-schen Ebene ist eine Schlüsselstellung. Sie deutet die Bestimmung der Stadt in großen Umrissen an: Mittlerinzu sein zwischen Ost und West.Die Impulse, Ideen und Revolutionen aus dem Westen kamen jedodi hier meist so verspätet an, daß derZeiger der Weltenuhr oft schon die nächste Stunde ankündigte, wenn in Wien noch die alte Zeitrechnunggalt. Als man die wuchtige romanisdie Basilika von St. Stephan baute, wuchsen in den Nachbarländernbereits die schlanken Türme der Kathedralen zum Himmel. Der Stephansdom in seiner heutigen Gestaltaber ist der letzte monumentale Kirchenbau der deutschen Gotik im Südosten. Der Schlußstein zu seinemunvollendeten Nordturm wurde erst um 1550 gelegt, als die Reformation dem Höhenflug der Kathedralelängst ein Ende bereitet hatte.Die Kräfte der Beharrung und die Dauer eines langsamen, aber stetigen Wachstums haben das AntlitzWiens geformt. Wer einmal in den Zauberkreis dieser Stadt geriet, wer hier die ewige Wiederkehr im Wech-sel erlebte und sich vom lauen Sommerhauch dieses Capuanischen Wien berühren ließ, der mußte der sanftenGewalt einer geheimnisvollen Verzögerung erliegen.So erscheint selbst Johann Bernhard Fischer von Erlach, Wiens berühmtester Baumeister, uns Heutigen alsein spätgeborenes Genie. Seine visionären Projekte und Veduten waren verglichen mit der modernenfranzösischen Bauweise um 1700 schon historische Architektur. Erst Max Emanuel Fischer übertrug diekostbaren Entwürfe seines Vaters in die Umgangssprache seiner Generation und einer anderen Wirklichkeit.Der angeborene Lebensrhythmus Wiens ist nicht das hastige Arbeitstempo der Großstadt, sondern ein ruhi-ges, feierliches Schreiten: das Andante maestoso der Barockzeit. In den virtuosen Figuren und erhabenen.Gängen" der weißen Lipizzanerhengste erscheint die heroische Grandezza jener Zeit mit tänzerischerGrazie. Hier ist der musikalische Rhythmus Wiens, der Jahrhunderte nachwirkt, unverkennbar.Beethoven entdeckte zwei Jahrhunderte später die Melodie der Stadt in der Wiener Landschaft, die er beiall seinen Symphonien mitkomponiert hat. Der Wiener Walzer aber ist, wie Hans Tietze sagt, die voll-kommenste Selbstdarstellung des vormärzlichen Wiens".Heute freilich ist von der unheimlichen Dämonie, von der rauschhaften Wirkung, die der Wiener Walzereinst hatte und die sich bis zu bacchantischer Tanzwut zu steigern vermochte, nur mehr ein gefühlvollesSchwelgen in wiegenden Takten und sanften Rhythmen übriggeblieben. Aber die große Walzerparade beimBall der Philharmoniker mit den vielen reizenden jungen Mädchen, denen man in ihren weißen Stilkleiderndas Ballfieber schon von weitem ansehen kann, beweist, daß die Tradition von Lanner und Strauß auch imheutigen Wien noch lebendig ist.Aber unaufhaltsam beginnt die neue Zeit Stein auf Stein von dem imaginären Museum abzutragen, das mitunserer pietätvollen Vorstellung von Alt-Wien verknüpft ist. Verschwunden sind bis auf wenige Ausnah-men die gemütlichen Schubert- und Beethovenhäuschen mit dem sonnengelben Anstrich und den grünen Fen-sterläden, verschwunden sind auch die Geißblattlauben, die grünen Vorgärtchen mit den abgezirkeltenRosenbeeten, die bunten Glaskugeln und Gartenzwerge aus dem bürgerlichen Raritätenkabinett. Aber auch