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Deutschland (BRD)
Thilo Koch
Die Bilder dieses Buches zeigen ein Land der Burgen, Pfalzen, Schlösser und Kirchen, der Windmühlen und Fachwerkhäuser, der romantischen Landschaften und idyllischen Parks, der stolzen Rathäuser und Universitäten. Deutschland, so sieht man, das sind Berge, Ebenen, Flüsse, Küsten und Seen, Wälder und Felder - in Berlin gibt es einen Boulevard, den Kurfürstendamm.
Aber ist die Bundesrepublik Deutschland nicht eigentlich ein Industriestaat, und zwar der zweitgrößte der westlichen Welt nach den USA, der größte europäische? Wo entstehen die Werkzeugmaschinen und Elektrogeräte, die Autos und Kunststoffprodukte, die Textilien und Luxusgüter, die von Deutschland aus in alle Welt exportiert werden und den alten Wertbegriff »Made in Germany« wieder aufpolierten?
Die Bundesrepubhk Deutschland hat rund 61 Millionen Einwohner, die große Mehrheit lebt in Städten, vor allem in den 65 Großstädten mit mehr als 100 000 Einwohnern. Dieser Staat, der erst 1949 entstand, aus den drei westlichen Besatzungszonen, ist mit 247 Menschen pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde. Dennoch ist auch wahr, was die Bilder dieses Buches zeigen. Zwischen den Städten und Autobahnen, den Kraftwerken, Zechen und Fabriken hat sich das ländliche Deutschland erhalten. Es gibt sie noch, die grünen Mittelgebirge, die weinrebenbesetzten Flußufer, die saftigen Weiden für Rinder, Pferde, Schafe und all die kleinen verwunschenen Ortschaften,
die sich um den Kirchturm gruppieren. Die Zahl der Automobile auf den Straßen der Bundesrepublik nähert sich den 30 Millionen. Jeder zweite Bundesbürger hat ein Auto. Das ist, zusammen mit einigen anderen westlichen Industrieländern, Weltspitze. Was bedeutet es? Auf der einen Seite: Optimale Mobilität der Bevölkerung im Berufsverkehr und für die Freizeit. Auf der Kehrseite: Hohe Umweltbelastung, zu hohe Verkehrsdichte in Ballungsgebieten und bei Stoßzeiten, Hunderttausende von Verkehrsunfällen.
Deutsche Widersprüche
Im heutigen Deutschland, genauer in Westdeutschland, muß man lernen, mit vielen Widersprüchen und Gegensätzen zu leben. Das Pro-Kopf-Einkommen erreicht rund DM 30 000 im Jahr, es liegt also über den Zahlen in den USA, in Japan, und in Europa kann nur noch die wesentlich kleinere Schweiz mithalten. Aber mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze fehlen. Dennoch leben nahezu fünf Millionen Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. Diese Ausländer vermehren sich deutlich, auch wenn eine strengere Ein-wanderungs- und Asylantenpolitik den Zustrom eindämmt. Vor allem die anderthalb Millionen Türken haben viele Kinder, es wächst eine beträchtliche muslimische Minderheit in Deutschland heran. Die Gewichte verschieben sich, denn die deutsche Bevölkerung schrumpft. Trendberechnungen sprechen von einer Reduzierung in den nächsten 50 Jahren um etwa ein Drittel, von 57 auf 38 Millionen.
Die bevölkerungs- und sozialpolitischen Konsequenzen werden bereits sichtbar. Die Altersstruktur verändert sich, immer weniger junge Menschen müssen für immer mehr alte Menschen aufkommen. Die durchschnitthche Lebenserwartung für Frauen erreicht 79, die für Männer 71 Jahre. Das Rentenalter verlängert sich und muß finanziert werden.
Die Altersversorgung ist wie das gesamte Sozialsystem mustergültig in der Bundesrepublik Deutschland, es ist das teuerste der Welt, zumal noch immer schwere Kriegsfolgelasten zu tragen sind.
Für die Streitkräfte der Bundesrepublik von etwa 500 000 Mann fehlt es an Nachwuchs. Hochschulen und Schulen erweisen sich allmählich als zu groß ausgelegt, arbeitslose Lehrer finden keinen Job. Andererseits fehlt es in einigen Industrie- und Gewerbezweigen an qualifizierten Arbeitskräften, aber auch für einfache Dienstleistungen wie Raumpflege oder Müllabfuhr kann der Bedarf mit Deutschen nicht gedeckt werden. Die Jugend drängt in die white-collar-Berufe, eine wachsende Minderheit verweigert sich, steigt aus. Niemals in der deutschen Geschichte gab es für das deutsche Volk einen derartigen Massenwohlstand - und das nur 40 Jahre nach einem scheinbar totalen Zusammenbruch, nach einem Krieg, der sieben Millionen deutsche Tote forderte, zwölf Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieb, ein Drittel des deutschen Reichsgebietes kostete und die Nation in zwei Teile spaltete. Weil man sich diesen Wiederaufstieg kaum rational erklären konnte,
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