Bővebb ismertető
Ludwig Harig
Mit dem Vogel im Kopf
Ein Leben lang von Flugangst geplagt, saß ich in den modernsten und als sicher gepriesenen Maschinen und bangte dennoch um mein Leben. Vor einem Flug nach Australien stand ich Höllenqualen aus: Immer neue Fluggäste strömten in die Frankfurter Wartehalle, belegten die letzten frei gebliebenen Sitzplätze; einige mussten sogar stehend in den Gängen verharren, bis der Aufruf zum Einstieg in die Maschine erklang. Einige hundert Menschen, deren Koffer und Kisten schon im Gepäckraum verstaut waren, strömten mit weiteren Leder- und Plastiktaschen in die Maschine. Ein bepacktes Reisevolk in einem viel zu schweren Apparat mit viel zu kurzen Flügeln und viel zu langem Rumpf, dachte ich in meiner Angst, wie sollte das gut gehen!
In den ersten Stunden des Flugs schaute ich gequält zur Erde hinab, es zerfledderten die Umrisslinien des Aralsees, es zerflossen die Lichtgirlanden von Samarkand, und die Schäfchenwolken vom Hindukusch verschwammen vor meinen flackernden Augen. Erst nachdem ich den Äquator überquert hatte, hellte sich mein Blick auf Da sah ich Bilder, klar erkennbar: den Flickenteppich der Algenkulturen vor Bali, das PrachtcoUier des Korallenrififs vor Queensland und die Sandsteintreppe der Walddüne von Fräser Island. Ja, wenn jemand mich an die Hand nehmen und mir die Bilder der Erde von oben zeigen und mir Geschichten davon erzählen würde, dann vielleicht fiele die Flugangst gänzlich von mir ab!
Wie schön wäre es, ich säße bei Luftschiffer Giannozzo im Ballon, flöge mit ihm über die Erde hinweg. Berge und Täler, Wälder und Städte von oben zu beschauen, so wie der Dichter Jean Paul sie beschreibt. Nur der Dichter bringt nämlich das Kunststück fertig, den wirklich vorhandenen und mit Namen benannten Landschaften und Orten eine bezaubernde Gestalt zu geben. Doch er verschönt nicht ihr Aussehen, schmückt es nicht mit Zutaten seiner Erfindung: Waghalsig übersteigt er die Grenzen der Wahrnehmung, spielt mit den Eigenheiten der Sinne. Bild wird zum Klang: »Endlich trat die Sonne wie ein Musengott in den Morgen und nahm die Erde als ihr Saitenspiel in die Hand und griff in alle Saiten. Ich war ein anderer Mensch.« Jean Paul erzählt vom Vergnügen einer Reise, bei der er das rechte Bern am arktischen und das linke am antarktischen Pol aufgesetzt hat. Der oftmalige Ortswechsel seines Luftkutschers Giannozzo ist kein wahlloses Hin- und Herrennen
auf der Erde: Überall findet er einen Weltzustand, dessen Erreichen er uns Reisesüchtigen mit jedem seiner Worte wünscht. Hand aufs Herz, wer bräche nicht in helle Freude aus, wenn jemand wie Jean Paul ihm einen Platz in Giannozzos Luftballon reservieren würde! Welch ein Glück, dass wir Menschen sind! Um die Erde von oben zu betrachten, brauchen wir weder in ein Flugzeug noch in Giannozzos Ballonkorb zu steigen, brauchen nicht einmal Flügel wie ein Vogel. Fluggeräte zu benutzen aus Neugier oder Vogel zu werden aus Flugangst, das bleibt uns erspart. Die Fantasie beflügelt unser Bewusstsein, wir haben den Vogel im Kopf! Das ist angenehm und praktisch zugleich. Wenn wir auf den Flügeln der Fantasie hoch über Berg und Tal schweben, den Schnabel auftperren und kreischen, dann klingt unser Ruf nicht schrill und vogelgleich, sondern melodisch und menschenfroh wie das Jauchzen des Luftschiffers Giannozzo in Jean Pauls wundersamer Geschichte.
Auch Daniel Philippe, ein später Vetter von Jean Paul, ist für uns in den Lüften gewesen. Doch er erzählt nicht mit Wörtern, die er wie Bilder, er erzählt mit Bildern, die er wie Wörter benutzt. Daniel Philippe fliegt über Deutschland und fotografiert. Wie der Dichter arbeitet er mit den Mitteln der Kunst, wie der Dichter erfahrt er die Welt als Luftkutscher. Er beobachtet genau und wählt aus; er lässt weg, was sein Bild stört, fugt hinzu, was es vervollkommnet. Mit seiner besonderen Sicht auf die Natur und die Dinge ist er der Dichter, der durch die Linse schaut, statt mit den Augen zu zwinkern, im rechten Augenblick den Auslöser drückt, statt den Schreibstift zu bewegen. Sein Fotografenblick entdeckt die petrolfarbenen Kirchturmdächer von Lübeck, beschwört die ochsenblutroten Eckpfeiler der Limburger Domtürme, ordnet aber auch die Treppen und Terrassen von Sanssouci und die Häuserzeilen von Dresden neu. Er gliedert Ackerböden, staffelt Bergketten, fächert Dünenfalten auf »In Luftschiff-Journalen muss Ordnung sein«, schreibt Jean Paul in Giannozzos Logbuch. Daniel Philippe, der sorgfältig anschaut und kunstvoll erfindet, wahrt das Geheimnis seines Fotografierens. «Strengstens verboten«, sagt er zu jedem, der es wagt, seine Hexenküche zu betreten. Und wir? Mit dem Vogel im Kopf schweben wir, frei von Flugangst, über Deutschland hinweg und betrachten die Bilder, die er für uns erfunden hat.