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Theodor Geus - Deutschland/Germany/Allemagne [antikvár]

Deutschland/Germany/Allemagne [antikvár]

Theodor Geus

 
Deutschland - eine Heimat? Es war im Spätsommer 1949. Da saßen dreißig Buben und Mädchen in ihren engen und altmodischen Bänken, ein wenig mager und ein wenig schäbig mit zu weiten Hosen von den älteren Brüdern und mit Kleidern, die aus gebrauchten Stoffen genäht waren. Aber sie warteten gespannt mit einem kleinen Herzklopfen darauf, was das neue Leben bringen würde. Von allem, was damals der Lehrer in der ersten Gymnasialstunde gesagt hatte, ist nichts in Erinnerung geblieben. Nur ein Satz hat sich unvergeßlich eingeprägt....
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Deutschland - eine Heimat? Es war im Spätsommer 1949. Da saßen dreißig Buben und Mädchen in ihren engen und altmodischen Bänken, ein wenig mager und ein wenig schäbig mit zu weiten Hosen von den älteren Brüdern und mit Kleidern, die aus gebrauchten Stoffen genäht waren. Aber sie warteten gespannt mit einem kleinen Herzklopfen darauf, was das neue Leben bringen würde. Von allem, was damals der Lehrer in der ersten Gymnasialstunde gesagt hatte, ist nichts in Erinnerung geblieben. Nur ein Satz hat sich unvergeßlich eingeprägt. Der Lehrer sagte: „Deutschland gibt es nicht mehr." Damals waren wir noch nicht alt genug, um zu begreifen, daß ihn die Trauer um seine vergeudete Jugend, der Schmerz in seinem Bein, das er beim Gehen schleppend nachzog, all die tief eingegrabenen Schrecken des Krieges und eine große Bitterkeit zu diesem Satz drängten. Uns erschreckte es nur, daß wir plötzlich heimatlos geworden sein sollten, daß wir nicht mehr wußten, wo wir lebten. Nun schien bestätigt, was wir in den letzten Jahren - zunächst nur wie eine geheime Botschaft und dann immer lauter - gehört hatten und was wir in vielen Nächten durch die Flammenschrift am Himmel sehen konnten: Deutschland ist verloren. Kindheit in diesem Land war damals nicht leicht - ein verwirrendes Leben zwischen Angst und Abenteuer, zwischen Begegnungen mit dem Tod und dem leichtsinnigen Spiel in verkohlten Ruinen, mit einer ungewissen Zukunft. Wieviel Zeit ist seitdem vergangen. Wenige Wochen vor dieser Schulstunde war die Bundesrepublik gegründet worden als Ersatz für die Deutschen diesseits einer politischen Demarkationslinie und später sollte die Deutsche Demokratische Republik entstehen als Ersatz für die Deutschen jenseits dieser Linie - beides syntheti- sche, irreguläre Konstruktionen, die ihre Existenz nicht einem eigenen Entschluß, sondern Siegermächten verdankten, die sich ein Land gemäß ihren Vorstellungen von ideologischen Blöcken aufteilten. Von nun an mußte sich eine Nation einrichten, hier wie dort in historischen Fragmenten zu leben. Von nun galt nicht mehr der seit der Romantik mit hehren Idealen und großen Worten gefüllte Begriff des „einig Vaterland" als der Raum mit einer gemeinsamen Sprache und einer gemeinsamen Gegenwart. Deutschland wurde gespalten in zwei Vaterländer, von denen jedes für sich in Anspruch nahm, das bessere, das legitimere zu sein. Diese Paradoxie deutscher Wirklichkeit, der Preis, der zu zahlen war für den selbstmörderischen, selbstzerstörerischen Über-Mut des „Führers" eines großdeutschen Reiches und dessen Gefolgschaft, schien auf Dauer festgeschrieben und der Status quo wurde zu einer solchen Gewohnheit, daß die Mehrheit dieses Volkes zumindest keinen Schmerz mehr verspürte, wenn von zwei deutschen Staaten die Rede war und Weimar einer anderen Welt angehörte als Marbach ao Neckar. Das im Grundgesetz der Bundesrepublik verankerte Ziel der Wiedervereinigung begann um so utopischer zu werden, je mehr die politischen Realitäten zu einem vom Gleichgewicht des Schreckens geschützten Alltag wurden. Vielleicht war dies auch ein Reflex auf die Geschichte. Anders als im übrigen Europa, in dem schon früh kraftvolle Nationalstaaten mit einem ausgeprägten Selbstbewußtsein entstanden, gab es auf deutschem Boden andere Entwicklungen. Selbst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das gern als Beweis der Größe und der Einheit zitiert wird, war der Kaiser nur die Ordnungsmacht für ein Chaos auseinanderstreben-

Termékadatok

Cím: Deutschland/Germany/Allemagne [antikvár]
Szerző: Theodor Geus
Kiadó: Umschau Verlag Breidenstein GmbH
Kötés: Fűzött kemény papírkötés
ISBN: 352463043X
Méret: 260 mm x 330 mm
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