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Hallig - Horizont
Vom Deich des Festlandes, von benachbarten Inseln oder von vorbeifahrenden Schiffen aus gesehen, liegt das niedrige Halligland in der Ferne wie ein feiner Strich auf dem Meer. Nur die Warften mit ihren Häusern ragen deutlich und dunkel gegen den Himmel empor - wie eine Flotte von Schiffen, die in unregelmäßiger Reihe vor Anker ruht. Aus weiterer Entfernung verschwindet das Halligland hinter dem Horizont, und nun schwimmen die Warften wie Inseln im Wattenmeer, an warmen, windstillen Sommertagen wie eine Fata Morgana in die flimmernde Luft gehoben, bei Sturmfluten und »Land unter« wie gestrandete Schiffe von der Brandung umrauscht. Hochfliegende Möwen und vorüberziehende Wildgänse sehen die Halligen als grüne Oasen, bei Flut im blauen Meer und bei Ebbe auf grauen und gelben Watten. Keine andere Landschaft weist so viele Ur- und Eigentümlichkelten auf wie die der Halligen. Romantischen Vorstellungen vom einsamen und urtümlichen Menschenleben mitten im Meer stehen Erzählungen vom tosenden Meer und vom dramatischen Kampf gegen die Elemente gegenüber. Dichter und Maler haben der Welt dieses Bild vermittelt, und Chronisten haben von der Todesnot in Sturmflutnächten erzählt. Kinder und Erwachsene waren, als Gedichte und Balladen noch gelesen und gelernt wurden, gleichermaßen gebannt von den Versen des »Halligmatrosen« und »Trutz, Blanke Hans« - ebenso angerührt von »Meeresstrand« und »Über die Watten«. Und in allen Lesebüchern stand die Legende vom »Licht der treuen Schwester«. Theodor Storm, Detlev von Liliencron, Hermann Allmers und Wilhelm Lobsien sind die heute noch bekannten Poeten der Halligwelt. Lobsien fand unter dem wuchtigen Glockenstapel an der Kirche auf Hallig Oland seine letzte Ruhestätte. Über den liegenden Grabstein im Friedhofsrasen sind schon etliche Sturmfluten gebraust.
Unzählige Maler, darunter Hans Peter Feddersen, Emil Nolde, Magnus Weidemann, Jacob Alberts, Siegward Sprotte, Hans Jansen und andere, fanden ihren Weg zu den Halligen und hielten diese eigenartigen, dem Getümmel der Welt entrückten Eilande mit Farben fest. Es sind Bilder von einsamen Landschaften unter drohendem Gewölk, aber auch unter hohem Sommerhimmel, Bilder mit weithin blühenden Strandflieder-wiesen und Abbruchufern sterbender Inseln. Sachlich, doch eindrucksvoll erzählen Chroniken aus vergangenen Jahrhunderten von Sturmfluten mit Tausenden von Todesopfern. Insbesondere sind es die Berichte der Pastoren Anton und Heinrich Heimreich und Johann C. Biernatzky, die solche Sturmfluten in eigener Lebensgefahr erlebten und den Untergang ganzer Halligen und Familien zu Papier brachten. Trotz des zeitlichen Abstandes bewegen ihre Schilde-
rungen Phantasie und Gemüt - auch in der heutigen Welt, deren Medien uns tagtäglich Naturkatastrophen aus fernsten Erdteilen übermitteln. Die Einzigartigkeit des Halliglebens erklärt sich aber noch aus einem weiteren Umstand: Während seit Mitte des vorigen Jahrhunderts der technische Fortschritt über das Land ging, blieb auf den Halligen die Zeit stehen. Die abgeschiedene Lage, die landschaftlichen Verhältnisse und die geringe Bevölkerung verhinderten zunächst, daß die »Errungenschaften« des Industriezeitalters ihren Weg zu den Halligen fanden. Hier blieb eine altertümliche Lebensweise vorherrschend, die man heute als »alternativ« bezeichnen würde. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren dieses Jahrhunderts waren elektrischer Strom und in Verbindung damit Elektrogeräte, Radio und Femsehen auf fast allen Halligen unbekannt. Nur einige wenige Einwohner hatten sich Windaggregate für Beleuchtungszwecke an die Warft gestellt. Ebensowenig gab es Autoverkehr, ja, auf den grasigen Feldwegen nicht einmal Traktoren als Transportgerät für die Landwirtschaft. Alles blieb inmitten einer sich schnell verändernden und »modern« werdenden Welt wie in früheren Jahrhunderten und wurde deshalb von den Besuchern aufs höchste bestaunt. Erst in Zusammenhang mit der »Halligsanierung« nach der Sturmflut von 1962 hat der »Fortschritt« auch die Halligen erreicht - davon wird später noch die Rede sein. Aber unverändert und unverwechselbar blieben Landschaft und Halligleben im Rahmen der großartigen Natur. Es konnte und hat keinen Bauboom gegeben, wie auf den Bäderinseln und an der Küste. Das Bauen blieb auf die vorhandenen Warften beschränkt und die Landschaft behielt ihre Weite und Einsamkeit mit der beglückenden Femsicht von Horizont zu Horizont. Und immer noch steigen Sturmfluten über das niedrige Land, schäumt Brandung bei »Land unter« um die Warften und läßt in Orkannächten die Halligbewohner um Haus und Hof bangen.
Im Rhythmus der Gezeiten
Halligen sind eine Gabe des Meeres im Wechsel von Entstehung, Zerstömng und NeuauflDau. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, ja, gebietsweise noch bis in das hohe Mittelalter, breiteten sich im Bereich des heutigen nordfriesischen Wattenmeeres umfangreiche Flächen von Marschen mit eingelagerten Mooren und Bruchwäldern aus. Die fruchtbaren Marschen waren durch Ablagerungen von Sedimenten aus der Nordsee im Auf und Ab des Meeresspiegels nach dem Ende der letzten Eiszeit entstanden und lagen etliche Jahrhunderte später im Schutze vorgelagerter Dünenwälle
Nach dem erneuten Anstieg des Meeres infolge des Abschmelzens von Gletschern im wärmer werdenden