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In keiner Weltgeschichte erfährt man etwas darüber. Ja, vor dem Jahre 1945 nahm wohl nicht ein einziges deutsches Geschichtsbuch, und wenn es in zwanzig oder dreißig Bänden die Geschichte Deutschlands beschrieb, die geringste Notiz davon. Die sorbischen Gesangsfeste in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts waren für den bürgerlichen Historiker einfach uninteressant, belanglos. Wer hätte sich damals auch schon die Mühe gemacht, zu untersuchen, ob diese Tradition in irgendeiner Verbindung mit den freiheitlichen Ideen des Vormärz stand? Und wer hätte gar ahnen können, daß diese Tradition mit unserem neuen Gehalt ihre große Blütezeit in unserer befreiten Gegenwart, in den Festivals der sorbischen Kultur erlebt?Die sorbischen Gesangsfeste der Vergangenheit waren immer mehr als nur ein musikalisches Ereignis. Weder die Chöre noch die Solisten -bis auf wenige Ausnahmen, und das waren Gäste-sangen mit einer entsprechenden künstlerischen Ausbildung. Sie waren alle Laien, deren wertvollste Gabe in ihrer Liebe zum Lied lag und in ihrer Fähigkeit, ihre Zuhörer - das einfache Volk - zu begeistern. Mit Hilfe des Liedes, das aus eben diesem Volk stammte, zu begeistern für das gemeinschaftliche Erleben der Zusammengehörigkeit, zu entflammen für die fast schon illusionäre Sehnsucht nach Freiheit und Menschlichkeit. Man traf sich zu diesen Festen, weil man die Gemeinschaft mit Gleichen suchte und jede Möglichkeit, sich gegenseitig I und sich selbst mit Stolz zu erfüllen auf dasureigene schöpferische Werk. Alles im steten Gegensatz zwischen Alltag und Festtag, wo der eine bestimmt war für die harte, endlose Arbeit auf den Fluren der Herren, der andere gesucht und genutzt wurde zur geträumten Flucht ins Menschsein. Auch im Gegensatz zur damals täglich laut gesprochenen und fett gedruckten Meinung: Was sind schon das naive Volkslied, der quackende Dudelsack, der bäuerlich-töl-pische Tanzschritt und der plumpe Lehmkrug gegenüber den gepflegten Melodien und dem hauchdünnen Porzellan der Salons? Sie unterschieden sich voneinander wie die Kate des sorbischen Bauern vom Prunkhaus seines deutschen Herren - in ihrer sichtbaren Erscheinung. Daran konnten auch nichts ändern jene sorbischen Lieder, die Johann Gottfried Herder in seine Stimmen der Völker" aufgenommen hatte.Und trotz allem: In der Schöpfertat dieser einfachen Menschen lag verborgen eine ungebrochene Kraft - die Kraft, die das Leben zu erhalten vermochte. Auch bei uns in der Lausitz hatte man den Ruf nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit vernommen und auf seine, auf die sorbische Art verstanden: Wir wollen frei sein von Fron und fremder Knute, wir wollen gleich sein am Alltag und am Festtag, gleich in der Arbeit, in der Sprache, in der Teilhabe an der Welt, wir wollen verbrüdert sein dürfen mit unseren Brüdern. Die Besinnung auf das Eigene, die progressiven bürgerlichen Ideen des nationalen Erwachens wurden zu einer der besonderen Eigenschaften des sorbischen Aufbegehrens ge-