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Festland Schweiz
Bräuche, Feste und Feiern - wo finden wir sie mannigfaltiger und vielseitiger als in der Schweiz? Man hat die eidgenössische Festlust nicht immer als Lob empfunden. Gelegentlich wurde sogar auf die volkswirtschaftlichen Nachteile unseres ungebundenen Veranstaltungskalenders hingewiesen. «Europäisches Festland» wurde die. Schweiz genannt, eine Insel uralter Sitten und Unsitten, ein Brauchtummuseum mit Alphorn, Kuhglok-ken, Trachten und Fahnenschwingern. Mitten in der Weltwirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg «hat sich jemand der undankbaren, aber verdienstüchen Aufgabe unterzogen», dem helvetischen Festeifer einmal wenigstens statistisch zu Leibe zu rücken. Zwischen Schaffhausen und Chiasso, zwischen dem Boden- und dem Genfer-see wurden alle volksverbundenen Veranstaltungen und Anlässe gezählt. Diese «Statistik helvetischer Festfreudigkeit in freudloser Zeit» umfaßte allerdings nur diejenigen Ereignisse, die - typisch für die Schweiz! - einer behördlichen Bewilligung unterlagen. Ausgerechnet die kleinen örtlichen Kirchweihen, die Jugendfeste, Maifeiern, die Klaus- und Fastnachtsbräuche, die Umzüge, Jahrmärkte, die Alp- und Sennenfeste waren nicht dabei. Trotzdem konnten für das Jahr 1933 in der ganzen Schweiz 3217 Feste und öffentliche Anlässe registriert werden. Es besteht kein Zweifel, daß diese Statistik, die damals viel zu reden und noch mehr zu denken gab, heute bei weitem übertroffen wird. Allein die Schweizerische Verkehrszentrale führt in ihrer offiziellen Liste jährlich 5000 empfehlenswerte Lustbarkeiten und Anlässe auf. Nicht eingerechnet die ungezählten lokalen Veranstaltungen, Feiern und Festivitäten, die selten in der Presse genannt und kaum über die Gemeindegrenze hinaus bekannt werden.
Die Schweizer sind ein festfreudiges Volk, und sie waren es schon lange bevor der Engländer W. J. Thoms 1846 das Wort Folklore erfand. Viele und gerade die ältesten unserer Festbräuche haben denn auch mit einer folkloristischen Zurschaustellung wenig zu tun. Sie dienen gewissermaßen dem Eigengebrauch und der lokalen Geselligkeit. Zaungäste, die mit Bus, Bahn und Privatwagen herbeiströmen, sind nicht immer hoch willkommen.
Nur wer selber mitwirkt, kann den eigenen Zauber des Brauchtums und der Festtradition richtig erleben. Gottfried Keller hat es in der Legende der sieben alten Grauköpfe, die am Lebensabend noch einmal mit Stutzer und Fähnlein ans Eidgenössische Schützenfest zogen, richtig gespürt: Einen helvetischen Gesundbrunnen nannte er das Fest, ein erquickendes Bad, in das wir gerne untertauchen.
Das war nicht immer so. In unserem etwas kargen Lande, wo der geregelte Alltag und die sprichwörtliche Tüchtigkeit geradezu als Grundlage des Fortkommens gelten, hat es an warnenden Stimmen und obrigkeitlichen Verlautbarungen gegen überbordende Festlichkeiten, gegen den zunehmenden Müßiggang, gegen Sinneslust und Minnefreuden, gegen Ausgelassenheit und Maßlosigkeit selten gefehlt. Stein des Anstoßes war vor allem die Fastnacht, deren Herkunft schon immer suspekt schien. In ihrer wilden, urtümlichen Art paßte sie sich keinem Zeitgeist an, man ahnte dahinter abgöttisches Heidentum und animalische Triebhaftigkeit. Schon 1480 versuchte der Berner Rat die Fastnacht zu beschneiden, 1529 wurde in Zürich «die Unzucht mit der Fastnacht, dem Küchlireichen, dem Bööggen und Butzenwerk gänzlich abgekannt». 1580 folgte das