Bővebb ismertető
Griechenland - Heimat und TraumKlaus LiebeDas Land der Griechen mit der Seele suchend - seit Generationen ist die Klage der Iphigenie Goethes im fernen Tauris auch Ausdruck unserer eigenen Sehnsucht nach diesem südlichsten Land im Osten Europas. Griechenland ist nicht irgendein Reiseziel zu Inseln und Sonne, Sirtaki und Retsina. Bei Griechenland schwingt ganz anderes mit, rührt gleichermaßen an Gemüt und Verstand. Griechenland verspricht Heimat, das Ende der Suche nach der eigenen Identität. Auch der moderne, aufgeklärte Mensch fühlt sich in dieser griechischen Welt geboren und zeklebens auf geheimnisvolle Weise zu ihr hingezogen.Griechenland ist das, was jedermann kennt, auch wenn er noch nie dort gewesen ist, auch wenn er ein Kind oder ein Idiot oder noch ungeboren ist. Griechenland ist so, wie man erwartet, daß die Erde - gäbe man ihr die Möglichkeit dazu - aussehen sollte. Es ist die erhabene Schwelle der Unschuld. Es steht da, nackt und völlig enthüllt, wie es von Geburt an dastand. Es ist nicht geheimnisvoll, nicht unergründlich, nicht furchterregend, nicht herausfordernd, nicht anmaßend. Es besteht aus Erde, Luft, Feuer und Wasser. Es verändert sich mit den Jahreszeiten in harmonischem, wellenförmigem Rhythmus. Es atmet, es ruft, es antwortet. So hat der amerikanische Schriftsteller Henry Miller, nüchterner Beobachter alles Menschlichen, nach einer fünf Monate langen Reise sein Griechenland festgehalten. Er hat 1939 ein zutiefst offenes, menschliches Land erlebt, bar jeder philologischen Verbrämung, bar jeder mythischen Vernebelung. Ein Griechenland, das selbst seinen Göttern von jeher menschliche Züge zugestand (siehe Seite 28). Ein Griechenland, das bei allem, womit seine jahrtausendealte Vergangenheit es beladen hat, ganz jung und frisch geblieben ist. Man muß nicht in Ehrfiircht vor ihm erstarren, man kann mit ihm sprechen wie mit einem guten Freund: Das wohl einzig treffende Griechenlandbild, wenn man nicht ein bitteres Mißverständnis riskieren will.Wie oft sind Menschen nach Hellas aufgebrochen, Menschen jeden Alters und jeder Herkunft, um in der Klarheit dieses Lichts, im Duft dieser Landschaften, in der Begegnung mit dem klassischen Erbe zu sich selbst zu finden: Griechenland als Kur für die Seele. Wie oft wurde dieses Land, die Wiege unserer europäischen Zivilisation, zum Ziel unserer verschwiegensten Träume: Da lockt Heimat, in der ich mich nicht erklären muß. Aber hier liegt auch der zarte, frühe Keim des Mißverstehens.Als Traumland der Sehnsucht kam Griechenland in stimmungsvollen Bildern und Klängen auf die Kinoleinwand, damals, als man in Deutschland in den Nachkriegsjahren wieder an Reisen in die Ferne denken durfte. Ein Traumland der Sehnsucht ? Vielleicht, doch nur aus der Ferne. Denn das, was wir mit der Seele suchen, ist der Traum von einer klassischen, hehren, vermeintlich heilen Welt, ein Traum, in dem die Begriffe Antike und Griechenland austauschbar geworden sind.Das andere, wirkliche, das Griechenland eines Henry Miller mag solche Sehnsüchte hier und da noch stillen. Aber sein Wesen ist natürlicher, bei Licht und bei Schatten. Sein Selbstverständnis, seine Identität sind durch ganz andere Bilder und Zeiten als die der Antike geformt. Das neue Griechenland lebt weithin aus uns kaum vertrauten geschichtlichen Erfahrungen. Auf dieses unbekannte, menschliche Griechenland will ich den Leser und Reisenden im folgenden aufmerksam machen - und weniger auf das versteinerte Ideal, das nicht mehr atmet, nicht mehr ruft, nicht mehr antwortet.