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EINFÜHRUNG
Eines Tages schlenderte ich am Meer endang, an Kretas Küste. Irgendwo dort hinten hinter den Felsen lag Afrika, zweihundert Meilen fort vielleicht. Hier endet Griechenland. Es war warm, wenn auch ein wenig trüb, als ich so durch die felsig zerissene und karge Landschaft wanderte. Und es war so still um mich her, daß das ferne Bimmeln von Schafglocken fast störend in diese Stille griff. Sah ich zuweilen zum Meer hinüber, zeichnete sich ganz in der Ferne ein ungewöhnlicher schwarzer Schatten ab. Als ich näherkam, erkannte ich einen zusammengekauerten Mann. Er saß inmitten der Felsen, sein Kopf ruhte schwer in seiner Hand. Die andere umfaßte einen Hirtenstab. Ich wagte mich kaum näher heran und trat nur ganz vorsichtig auf. Mir wurde klar, daß ich hier in einen Bereich eindrang, den, so heiter verloren, meine Gegenwart nur stören konnte. Ich hielt den Atem an aus Furcht, diesen Mann zu erschrecken. Jeden Augenblick konnte er aufsehen. Einige Meter vor ihm machte ich halt. Langsam hob ich die Kamera . . . und drückte ab. Der Mann blickte auf, betrachtete mich ruhig und nickte mir grüßend zu. Mochte er nur grüßen und das Bild um ihn zusammenfallen - dasjenige, das ich haben wollte, war gemacht und das Experiment zu Ende.
Jede dieser Aufnahmen ist eine Impression, ein ganz besonderer AugenbUck in der Affinität zwischen einem Photographen und dem Gegenstand seiner Faszination. Die abgebildeten Menschen leben in kleinen Dörfern und entlegenen Gehöften, irgendwo und überall in Griechenland. Sie sind oft sehr, sehr arm und doch gleichzeitig von einem ungebrochenen Stolz, der sie aus dieser Armut heraushebt und sie wieder unverwechselbar macht. Viele junge Griechen sind auf der Suche nach Arbeit in die Großstädte abgewandert oder auch ins Ausland. Zurück blieb ein dünnbesiedeltes Land - mit alten Menschen und mit Kindern.
Meine Reiseroute war nicht vorgezeichnet, ich war völlig ungebunden und kam mir vor wie ein zufälliger Beobachter. Ein Fremder war ich dennoch nicht. Nie hatte ich das Empfinden, man dulde mich nur; immer begegnete man mir mit unbefragter Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Mit der Zeit wurde mir auch klar, daß dem griechischen Landbewohner nichts heiliger und kostbarer ist als diese Gastfreundschaft, die sich wirklich immer wieder als eine Freundschaft dem Fremden gegenüber bestätigt.
Die bildhaften Ergebnisse dieser Reise möchten nichts anderes sein als die festgehaltene Erfahrung eines Mannes in Griechenland. Sie sind nicht der Versuch, dieses Land oder sein Volk insgesamt zu deuten. Die Gefahr des Verallgemeinerns wäre zu groß. Und sie besteht schon ohnehin. Für jeden Menschen als Individuum verbieten sich Verallgemeinerungen, keiner wiederholt sich im andern; im Gegenteil, jeder bestimmt sich in seinem Verhältnis zur Zeit, zur Umwelt, zum Mitmenschen laufend anders. Die Blitzsekunden zu erfassen, in denen solch eine Reise durch die Zeit anzuhalten ist - hierin liegt das Wunderbare einer fast magischen Kamera. Kleinste Zeitpartikeln haben sich längst aufgelöst. Was auch immer sie an Wahrem in sich trugen - vielleicht ließ es sich in diesen Bildern einfangen.
Gonstantine Manos