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WEISST DU NOCH, WIE DU ?
Gewiß weiß ich es noch, lieber heiliger Nepomuk, wie ich mit einem Stein deinen Bauch getroffen habe. Ich wollte dich bei Gott nicht treffen; es geschah aus Versehen. Ich stand auf dem Pfarrplatz und warf mit einem Stein nach einem alten Blechtopf, der vor deinem Standbild lag, verfehlte aber mein Ziel. Im gleichen Augenblick schlug die Kirchenglocke an; mir war, als käme ein strafender Ruf geradewegs vom Himmel herunter. Ich war starr vor Betroffenheit und Schreck. Dann stammelte ich meine Entsdiuldigung: „Sei nicht bös', lieber Nepomuk, Du weißt ja, es ist nicht gern geschehen."
Neben deinem Häuschen stand ein Löwenzahnbusch. Idi pflückte ein paar Blüten und legte sie zu deinen Füßen. Du warst nicht böse auf mich; ich merkte es. Du blicktest zwar wie immer nach dem Kruzifix in deinen Händen, aber mir sdiien, als ob ein freundliches Lächeln über dein Gesicht glitte.
Mehr als siebzig Jahre sind seither vergangen, doch die Erinnerung an die Kindheit lebt in mir fort. Es raunt und flüstert um midi, sobald ich deinen Boden betrete, liebes Grinzing. Häuser, Bäume, vertraute Winkel, von süßem Weinmost erfüllte Luft: vieles ist noch, wie es war. Diese Atmosphäre hat ein längeres Dasein als die Menschen, mit denen ich hier lebte. Kein Jugendgefährte spricht mehr zu mir . . . Nur Karl, mein Bruder, ist noch da. Und in ihm lebt noch — wie in mir — die Erinnerung an Glück und Freude, an ein Grinzing um 1900.