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Gerhard Stenzel - Im Flug über Österreich [antikvár]

Im Flug über Österreich [antikvár]

Gerhard Stenzel

 
Flugaufnahmen überraschen oft. Was aber Ist an Ihnen wirklich „neu"? Der Blick aus bisher nicht gekanntem Winkel auf Bekanntes. Das unbegrenzte Sehen von nicht fixierbaren Standorten her. Wenn man will,auch das standpunktlose Sehen. Ein unbelasteter, schwereloser Blick auf Landschaften, Städte, Berge, Bauten, Flüsse. Ein Betrachten nach Belieben, mit oder ohne Perspektive, aus jeder Höhe, aus jedem Winkel, in jeder gewünschten Verfremdung. Erträumtes wurde Wirklichkeit. In all seiner Größe und in oft verwirrender Gestaltlosigkeit....
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Flugaufnahmen überraschen oft. Was aber Ist an Ihnen wirklich „neu"? Der Blick aus bisher nicht gekanntem Winkel auf Bekanntes. Das unbegrenzte Sehen von nicht fixierbaren Standorten her. Wenn man will,auch das standpunktlose Sehen. Ein unbelasteter, schwereloser Blick auf Landschaften, Städte, Berge, Bauten, Flüsse. Ein Betrachten nach Belieben, mit oder ohne Perspektive, aus jeder Höhe, aus jedem Winkel, in jeder gewünschten Verfremdung. Erträumtes wurde Wirklichkeit. In all seiner Größe und in oft verwirrender Gestaltlosigkeit. Viele Bilder von oben erscheinen wie eine Bestätigung früher künstlerischer Visionen. Visionen, wie sie uns anfänglich fast erschreckten. Strukturen derGroßglocknerpasterze,die Farben im Seitenarm der Enns, Schattenzeichnungen der Winterbäume, das Baumwipfelmuster, während des Fliegens kommen solche Motive jeden Augenblick auf uns zu. Es sind keine Zufallstreffer. Möglich, daß es den Menschen seit je nach solcher Standpunktlosigkeit drängte. Nach Bildern, die gültige Vorstellungen von Perspektive, Umriß, Fläche und Gestalt aufheben. Oben ist unten, unten ist oben. Begrenztes ist entgrenzt, überkommenes ungültig, Bestehendes fraglich. Der Blick nicht mehr nach dem Fotogenen, dem „Ordentlichen", Bildhaften, der Blick nur noch auf Grundrißkompositionen, auf ein unaus-schöpfbares Strukturenreservoir, auf Phantasmagorien von Farbkonstellationen, wie sie sich pausenlos anbieten, läßt für einige Zeit die gewohnten Begriffe vergessen, die irdische Realität, erschafft eine neue Freiheit. Nur Gebilde sieht man, lineare und flächige, Gebirge, Talschaften, Ebenen, Anlagen, Konstruktionen. Wo beginnt für das so inspirierte Auge etwas wie Geschichte? Wo ist hier Politik? Wo sind die Staaten, Völker, Reiche? Düstere Abstraktionen, Verirrungen des Geschöpflichen, als das erscheinen sie dem Bildner im Standpunkt- und schwerelosen Zustand der Schau. Ob es nicht das gezielte Ändern der Standorte und Standpunkte war, das es dem Menschen ermöglichte, sich die Welt zu erobern? Ob Standpunktlosigkeit nicht die einzige Chance ist, im engen menschlichen Konnex zu bleiben inmitten einer sich ständig wandelnden Mit- und Umwelt? Es scheint der Blick von oben auch gewisse Landschaften und Bildungen unten so recht zu erschließen. Die Seeleeines Berges,das Gesicht einer Stadt, die innere Gestalt eines Bauwerks. Erst jetzt, so meint der Betrachter, erkennt er die Signatura rerum, wie sie Jakob Böhme verstand, die eigentliche Bedeutung der Dinge dieser Welt. Also von Gewicht ist Schau nur dann, wenn der Orientierungspunkt fehlt, von dem aus betrachtet, auf den hingeschaut werden muß? Wenn keine Mitte gegeben ist? Der Goldene Schnitt fehlt? Weder Maße noch Gesetzlichkeiten gelten? Blickmöglichkeiten von unendlich vielen Standorten revolutionieren wohl das Sehen,zwingen zum Umdenken. Seit je aber drängte solches Sehen den Menschen auch zur wissenschaftlichen Bewältigung, zur Bestätigung durch neue Begriffe und durch die Zahl. Seit man um die Jahrhundertwende erste Flugbilder „schoß" und sie seit über fünfzig Jahren wissenschaftlich auswertet, sind sie für einige Forschungszweige unentbehrlich geworden. Mit ihrer Hilfe wurden neue Rohstoffquellen erschlossen, entwickelte sich die moderne Kartografie. Sie ergaben neue Einsichten in die Zusammensetzung der Erdoberfläche, Küstenmorphologie, Forschungen über ünterwasservegetation und Umweltverschmutzung sind ohne Flugbild unvorstellbar geworden. Kultivierung und Besiedlung sind heute oft nur noch von oben herzu planen. Alles so selbstverständlich wie die strategische Aufklärung und die Verkehrsüberwachung vom Flugzeug aus.

Termékadatok

Cím: Im Flug über Österreich [antikvár]
Szerző: Gerhard Stenzel
Kiadó: Otto Müller Verlag
Kötés: Vászon
ISBN: 3701304890
Méret: 280 mm x 300 mm
Gerhard Stenzel művei
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