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EINLEITUNG
Indien mit seinen 300 Millionen Einwohnern, mit seinen 4 Millionen km"^ Erdoberfläche will nicht als Land, sondern als Kontinent gewertet sein. Wenn wir von Ceylon absehen und den natürlichen Grenzen folgen, die Vordei'indien von Burma, Tibet und Afghanistan trennen, erfassen wir ein Landschaftsbild von grossartiger Einheitlichkeit. Kein Einzelstaat imd keine Einzelkultur vei-mochten sich hier auf die Dauer abzusondern. Alles wies auf etwas Gemeinsames hin— auf das, was wir mit unbestimmten Vorstellungen indisch nennen. Von nahem besehen zersplittert die Einheit in eine auf keinem anderen Kontinent so grosse Mannigfaltigkeit, die sich bis zu scharfen Widersprüchen steigert.
Drei A^on den Hauptrassengruppen der Erde bewohnen Indien und haben sich darin in verschiedenen Graden gemischt: dunkle Dravida-Typen im Süden mit bei einigen Waldstämmen negroidem Einschlag, gelbe Mongolen und helle Indoeuropäer. Der Ursprung der ersten Einwohner und die grossen Völkerbewegungen, die zu den heutigen Zuständen führten, sind noch ein weites Feld wissenschaftlicher Spekulation. Neben der Verschiedenheit der Rassen kennt Indien eine ausserordentliche Mannigfaltigkeit der Kultur und des sozialen Lebens. Menschen strotzen in Juwelen —Menschen sterben Hungers. Halbwilde leben neben den weisesten Gelehrten der Welt. Eine Mildtätigkeit, die uns übertrieben anmutet, schliesst keineswegs eine Grausamkeit aus, deren ein Europäer nicht fähig wäre. Die Religion verliert sich in einen Wirrwarr A'on Sekten und merkwürdigen Gebräuchen und gibt entgegen ihren hohen Idealen immer wieder Anlass zu Schikanen, Reibereien und erbitterten Kämpfen.