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orwort
Jerusalem im Dezember 1999. Der muslimische Fastenmonat Ramadan des Jahres 1420, das achttägige jüdische Lichterfest des Jahres 5760, das christliche Weihnachtsfest sowie die Jahrtausendwende tauchen die Stadt mit Lichterketten an den Toren der Altstadt, Kerzen in den Fenstern und vor den Haustüren und glitzerndem Feuerwerk am Nachthimmel in ein buntes Lichtermeer. Diese drei Feste bezeichnen und feiern zentrale Elemente der drei großen monotheistischen Religionen, die das Leben der Stadt bestimmen: Gottes Offenbarung des Korans an den Propheten Mohammed; den Sieg der Makkabäer über die hellenistischen Machthaber, der schließlich zur nationalen Selbstbestimmung des jüdischen Volkes führte, und die Geburt Christi.
Jerusalem - eine Stadt mit vielen Realitäten, in der unterschiedliche, oft widersprüchliche historische, religiöse und nationale Weltanschauungen gelebt werden. Ein Kaleidoskop aus verschiedenen Volksgruppen, Religionen, Sprachen, Stadtvierteln imd Heiligtümern. Eine vereinte und doch geteilte Stadt voller Spannungen und Konflikte, in der, wenn auch kein harmonisches Miteinander, so doch ein pragmatisches Nebeneinander gelebt wird. Eine offene Stadt voU imaginärer und wirklicher Grenzen - zwischen Ost und West, Arabern und Juden, Gestern und Heute.
Eine Stadt zwischen Wüste und Bergland, von reichhaltigen Wasserquellen am Leben gehalten. Von König David zur Hauptstadt der beiden wieder vereinten Stämme Juda und Israel und durch Aufstellung der Bundeslade zum sakralen Zentrum gemacht. Siebzehn Mal zerstört und achtzehn Mal wieder aufgebaut von Assyrern, Babyloniern, Persern, Griechen, Römern, Philistern, Byzantinern, Mamelucken, Omaijaden, Kreuzfahrern, Ägyptern, Türken und Briten.
Eine Stadt mit verschiedenen Namen - zum ersten Mal erwähnt in den Tontafelarchiven von Ebla (2400 v. Chr.) unter dem Namen Urusalim, wörtlich „Stadt des Heils", es folgten die Bezeichnungen Zion, Morija, Aelia Capitolina, El-Kuds, Je-ruschalajim -, in der nach drei verschiedenen Zeitrechnungen und Kalendern gelebt wird, Dutzende von Sprachen gesprochen werden, verschiedene Geldwährungen gelten und in der jedes Jahr für kurze Zeit, wenn die nicht aufeinander abgestimmte israelische und palästinensische Sommerzeit einsetzt beziehungsweise aufhört, sogar unterschiedliche Uhrzeiten herrschen. Eine Stadt, in der jede heilige Stätte, jede historische Epoche, jedes politi-
sche Ereignis grundsätzlich mehrere Interpretationen und Definitionen erfährt.
Das ev^ge Zusammenspiel von Religion, Politik, Geschichte und Geographie hat im Lauf der Jahrtausende immer wieder neue Muster im Mosaik Jerusalem hervorgebracht. Der Publizist Arnos Elon hat dieses Phänomen mit dem Begriff Spiegelstadt beschrieben, ein Kaleidoskop, in dem Mythos und Realität in immer neuen Kombinationen und unendlichen Variationen ineinander übergehen und sich gegenseitig widerspiegeln.
Im vorliegenden Bildband wird diese mosaikartige Vielfalt Jerusalems durch eine Auswahl von Texten verschiedener Genres und Bildern Jerusalemer Fotografen in Buchform übertragen, und dem Leser werden auf diese Weise Einblicke in die Geschichte und Gegenwart, Kultur und Religion der Stadt ermöglicht. Dabei geht es nicht um die Vermittlung von Grundwissen oder um ein deskriptives Aneinanderreihen einzelner Mosaiksteine, denn einen historischen oder religiösen „Masterplan Jerusalem" gibt es nicht. Vielmehr sollen Verbindungen und Bruchstellen aufgezeigt werden, um den Leser anzuregen, sich ein eigenes BÜd zu machen und das scheinbar Offensichtliche dieser Stadt zu hinterfragen.
Die drei Hauptkapitel über Geschichte, Religion und Leben in der Heiligen Stadt bilden die Ecksteine eines Text- und Bildmosaiks, an denen sich der Leser und Betrachter während seines imaginären Ausflugs durch die Zeit und Gegenwart in Jerusalem orientieren kann. Wie im wirklichen Jerusalem darf man sich auch hier seinen eigenen Weg durch die verschiedenen Gässchen, Heilsvorstellungen, Völkergruppen, historischen Epochen und architektonischen Baustile suchen. Hinzu kommt in jedem Kapitel ein Bildspaziergang, der jeweils beispielhaft unterstreicht, wie nah hier markante Punkte der Geschichte, der Religionen, der Kunst und des modernen Jerusalem beieinander liegen, und der dem Leser ermöglicht, diesen Orten nachzugehen. Specials beschäftigen sich mit der Vorstellung von Jerusalem im christlichen Abendland (historische Landkarten), mit Jerusalems Grabstätten - dem physischen Zeugnis der Verbindung zwischen Geschichte, Religion und Erinnerung sowie mit der Bedeutung und dem Bild Jerusalems in der materiellen Kultur des Altertums (Münzen und Ausgrabungsgegenstände).
Es gibt kaum eine andere Hauptstadt auf dieser Welt, die mit auch nur annähernd so komplexen und schwierigen Bedingungen zu kämpfen hat wie
Tylick über das Himnontal Dauf die historische Davidstadt unterhalb der Stadtmauern und die Altstadt mit dem Velsendom, der al-Aqsa-Moschee und der Klagemauer. Rechts das arabische Viertel Silwan und der Öl-berg, im Hintergrund neue israelische Wohnviertel und die Hebräische Universität.