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5Eine schöne Frau ist meine Stadt, Meine Geliebte. Aus ihren Brunnen trinkt sie Das Wasser ewiger Jugend.Wie alt ist sie eigentlich, unsere Stadt? Achthundert Jahre? Fünf Jahrtausende? Und überhaupt, ist sie alt? Ist ihr Alter, ihre Vergangenheit nicht eigentlich ihre Kindheit, ihre Jugend? Und was uns als ihre Jugend erscheint, die Stadt heute, nicht in Wirklichkeit ihr Alter? Erst im Alter von achthundert Jahren zeigt sie uns ein so junges frisches Gesicht. Aber streiten wir nicht darüber, wie alt oder wie jung unsere Stadt ist. Denn eines müssen wir ihr zugestehen: Sie wird jünger von Tag zu Tag. Wie im Märchen: Das Wasser des Lebens trinken macht jung.Doch es war nie ein Märchen. Denn was eine Stadt ist, das ist sie durch die Menschen, die sie bewohnen. Ihre Arbeit, ihr Erfindergeist, ihre Lebensfreude, ihr Kampf um eine immer schönere Welt, das alles ist der eigentliche, der einzige Jungbrunnen einer Stadt. Eine Stadt lieben heißt, ihre Menschen lieben, ihre schöpferische Kraft, durch Generationen und Jahrhunderte hindurch. Die fronenden Bauern, die Pfahlbürger des Mittelalters, Steinmetzen und Architekten, die Fuhrleute und Fernhändler, Kaufleute, Fundgrübner und Gewerke, die Gesellen und Meister, Manufakturarbeiter, Spielleute und Musikanten, Studenten und Dichter, die Metallgießer, Drucker und Spinnerinnen, die Arbeiterführer, die Wissenschaftler und Techniker und Ingenieure, die von aller Ausbeutung befreiten Menschen unserer Epoche - sie alle haben dieser Stadt Gestalt und ewige Jugend gegeben.Wer diese Stadt sieht, wird sie lieben lernen. Wer sie liebt, will - wie das so ist in der Liebe - mehr wissen vom anderen. Deshalb gehen wir mit den Augen unserer Liebe den Spuren des Lebens dieser Stadt nach. Alter Siedlungsboden ist es, auf dem sie steht. Vor fünf Jahrtausenden machten sich Viehzüchter auf dem höhergelegenen Plateau der Auen zwischenElster, Pleiße und Parthe seßhaft. Wellen germanischer, keltischer und slawischer Stämme gingen darüber hinweg.Die slawische Siedlung, die dann vor mehr als einem Jahrtausend entstand, gab unserer Stadt ihren Namen: Lipzk. Das heißt: Ort der Linden, es ist ein poetischer Name, und im Sommer, wenn die Linden blühen, mag uns ihr Duft daran erinnern.Blumenwangige! Lindenlippige!Was soll der Schatten zwischen barocken Wimpern?Aufhellend blickt mich dein Aug schon wiederin alter Vertrautheit an,Reicher um neuen Glanz,den bunten gläserner Lichter.Wenn wir einem Menschen, den wir nicht kennen, begegnen, durchforschen wir zuerst sein Gesicht. Manches läßt sich daraus ablesen: Selbstbewußtsein und Leidenschaft, Energie und Verstand, Durchlittenes und Erkämpftes. Auch die Stadt hat ihr Gesicht: ihre Türme und Häuser, ihre Gassen und Boulevards, ihre Parks und Plätze, die unverwechselbare Eigenart ihrer Siedlungsform. Mögen auch Krieg und Zerstörung Schatten über dieses Gesicht geworfen und Narben hinterlassen haben - die Straßen und Gebäude, die alten, die wiederaufgebauten und die neuen, geben uns einen ersten Eindruck von dieser Stadt, die stets zu den bedeutendsten deutschen Städten gehört hat.Das Gesicht der Stadt sind ihre Bauwerke. Glanzzeiten der Architektur finden sich immer zur Zeit der Macht und des Reichtums der herrschenden Klasse. Die Stadt dehnte sich immer dann kräftig aus, wenn die Produktivität die zu eng gewordenen Schalen sprengte und nach einem größeren Gehäuse verlangte. Wie ein Baum von innen nach außen wächst, wuchs Leipzig fünfmal: als Markt- und Burgsiedlung im 12. Jahrhundert, als Handels-und Messestadt besonders sichtbar im 16. und nochmals im 18. Jahrhundert, als kapi-