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ZWEI MAINZER SAMMLUNGEN VON MUSIKERBRIEFEN DES 19. JAHRHUNDERTSvon Hellmut FederhoferEin Verzeichnis selbst der widitigeren Fundorte von Musikerbriefen fehlt. Dieses Desiderarum der Mu-sikforsdiung madit sidi um so fühlbarer bemerkbar, als einerseits Briefveröffentlidiungen, die wissen-sdiaftlidie Form und Vollständigkeit anstreben, eine Kenntnis der Fundorte voraussetzen, andererseits zahlreiche Musikerbriefe, deren dokumentarischer Wert von der Biographik bis zur Kulturgesdiichte reicht, bisher noch nicht im Druck vorliegen. Mit diesem Aufsatz sei daher die Aufmerksamkeit auf zwei Mainzer Briefsammlungen gelenkt, die zum weitaus größten Teil Musikerbriefe enthalten. Sie gehören ausschließlidi dem 19. Jahrhundert an und betreffen über zahlreiche persönliche, yerlegerische und künstlerisdie Belange hinaus das bisher nur in großen Zügen erhellte Mainzer Theater- und Konzertwesen des vorigen Jahrhunderts. Aus beiden Sammlungen erfolgten zwar bereits vereinzelte Veröffentlichungen, ihr tatsächlicher Umfang blieb der Musikforschung bisher jedoch unbekannt. Die größere Sammlung besitzt die Stadtbibliothek Mainz mit rund 600 Briefen, die kleinere das erfreulicherweise noch gut erhaltene Archiv der 1831 gegründeten Mainzer Liedertafel'. Die in der Stadtbibliothek befindlidie Sammlung ist ein Geschenk von Franz Schott (18111874) an die Stadt Mainz. Als Inhaber des von Bernhard Schott in Mainz angeblich 1770 gegründeten Verlages, der in mehrfacher Hinsicht befruchtend auf das städtische Musikleben einwirkte, als Bürgermeister von Mainz (18651872) und als Mitgründer der Mainzer Liedertafel, deren Präsident er von 1856-1858, 1860-1862 und 1864 war", verband F. Schott gesdiäfl-lichen Sinn mit idealem Streben, in dem ihn seine Gattin, die kunstsinnige und treffliche Pianistin Betty, geb. von Braunrasch (1820-1875) kräftig unterstützte. Sein Haus war Treffpunkt zahlreicher bedeutender Künstler, allen voran Richard Wagner. Anläßlich des 50. Geburtstages von F. Schott und des 17. Jahrestages seiner Vermählung schreibt die Mainzer Zeitung vom 2. August 1861: Die Firma des hiesigen großen Musikalienverlags B. Schott's Söhne ist in der alten wie in der neuen Welt renom-mirt und es liegt in der Natur der Sache, daß der Chef desselben mit seiner als ausgezeichnete Künstlerin im Pianofortespiel in der Musikalischen Welt rühmlichst bekannten Gattin auch an der Spitze des so reich bewegten musikalischen Lehens in unserer Stadt steht. So ist Herr Franz Schott auch seit vielen Jahren Präsident unseres ältesten und bedeutendsten Gesangvereins, der Mainzer Liedertafel, um die er sich, durch seine vielfache theilneh-mende Thätigkeit im Interesse des Vereins, große Verdienste erworben hat. Über die Ausdehnung seines Unternehmens zu dieser Zeit enthält der Bericht folgende Bemerkung: Es sind in demselben Ii Zinn-und IS Steindruck-Pressen thätig, welche jährlich 7000 Rieß Notenpapier verdrucken. Es setzt jähr-lich für 1 Million Gulden Musikalien ab, besitzt 300.000 Zinn- und Ii.000 Steinplatten, beschäftigt 100 Mann: Lithographen, Steindrucker, Zinnstecher, Zinndrucker und Klaviermacher, die wöchentlich über 1000 fl. Lohn beziehen und es zahlt jährlich an Componistenhonoraren 50.000 fl. Zur genannten Feier stiftete Schott 1000 fl. für einen Pensions- und Invalidenfonds seiner Arbeiter. Von seinem bürgerlichen Mäzenatentum zeugt die Schott-Braunrasdi-Stiftung, die zur Gründung eines städtischen Orchesters Verwendung fand, und die Tatsache, daß er Beethovens Briefe an den Verlag Sdiott, der Spätwerke des Meisters, u. a. die Neunte Symphonie und die Missa solemnis herausbrachte, der Stadt Mainz überließ. Diese Briefe sind bereits bekannt und veröffentlicht worden^. Die Stadt erhielt aber auch die von den Briefen Beethovens heute gesondert verwahrten, an F. Sdiott und dessen Frau gerichteten Briefe. Sie stammen in der Hauptsache von Komponisten, die in Verlagsbeziehungen zu Schott standen. Die Briefe berühren auch private Verhältnisse und die künstlerische Atmosphäre im Hause Sdiott, sind daher gleichermaßen für die betreffenden Komponisten und ihre Umgebung, wie für die Verlagsgeschichte und für die Persönlichkeit der beiden Briefempfänger aufschlußreich. Von diesen Briefen, denen auch einige Musikautographe und Gedichte sowie vereinzelte an andere Persönlichkeiten gerichtete Schreiben beiliegen, sind jene von Heinrich Esser, soweit sie Beziehungen Ridiard Wagners zu Sdiott berühren, von Franz Liszt, Karl Loewe und Richard Wagner durch Edgar Istel bzw. Wilhelm Altmann bereits mitgeteilt worden''. Da auch eine Beschäftigung mit den zahlreichen übrigen Musikerbriefen in mehrfacher Hinsidit lohnt, folgt deren vollständiges Verzeichnis, soweit die Schreiber oder Absender als Komponisten, Musiktheoretiker oder Musikschriftsteller nachgewiesen sind. Mit Ausnahme der bereits veröffentlichten oder für andere Publikationen vorgesehenen Briefe wird der Inhalt mitgeteilt, wenn er in kultur- und musikgeschichtlicher oder biographischer Hinsicht von Bedeutung ist. Aus diesem Grunde werden audi Briefe von Angehörigen genannter Persönlichkeiten mitangeführt.Die Mehrzahl der Komponisten, von denen die in der Stadtbibliothek überlieferte Sdiott'sdie Sammlung Briefe überliefert, ist in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geboren. In die Zeit vor 1800 reichen Fétis, Hunten, Lindpaintner, Loewe, Methfessel, Meyerbeer, Neukomm und Spon-tini, der unter ihnen am ältesten ist, während die Geburtsdaten der jüngsten, wie F. Gernsheim, H. Heermann und W. Weißheimer um 1840 liegen. Die Briefe verteilen sich auf einen Zeitraum von 1831 bis 1875, reichen also bis zu dem auf das Ableben Schotts folgende Jahr, in dem seine Gattin starb, was die obere zeitliche Grenze der Briefsammlung bedingt.