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Claus HammelDie Grazie der MecklenburgerUnser Wissen über den Mecklenburger ist dürftig. Jeder Versuch, sein Wesen zu erfassen, scheitert an eben diesem Wesen, zu dem in hohem Maß Verstellung zu gehören scheint. Seine berühmte Wortkargheit tarnt er nicht selten mit geradezu homerischer Geschwätzigkeit, sein anerkannt unerreichtes Phlegma mit Temperamentsausbrüchen levantinischen Formats, seinen sprichwörtlichen Biedersinn mit furchteinflößender Durchtriebenheit, seine legendäre Redlichkeit mit vielseitigen Unternehmungen hart am Rande der Legalität und so weiter. Es ist nicht ganz klar, warum er das tut. Einige Anzeichen sprechen allerdings dafür, daß er es einfach nicht liebt, Fremde zu nahe an sein wahres Ich heranzulassen. Er will niemandem Gelegenheit geben, zu tief in seine Seele zu blicken. Zu seinem Wesen gehört also auch das Halten auf Distanz. Weshalb man ihn denn häufig in größeren Gesellschaften antrifft, Bier und Korn vor sich, und schwimmenden Auges und schwerer Zunge Autobiographisches mitteilend, wobei er mit gewagten Details aus der Intimsphäre nicht spart. Denn auch seine Kontaktscheu weiß er geschickt zu verschleiern. Natürliche Höflichkeit, verbunden mit einem wachen pädagogischen Sendungsbewußtsein, dasbeim Mitmenschen den Sinn fürs Empirische auszubilden trachtet, stellte ich einmal bei einem Zugschaffner auf der Strecke Rostock-Stralsund fest. Eine alte Dame fragte ihn, ob sie in Ribnitz wohl Anschluß an den Linienbus Richtung Fischland hätte, und er antwortete mit dieser unnachahmlichen Grazie der Norddeutschen: Dat ward Se jo gewohr warden. Man beachte den historisierenden Duktus der Anrede, ein Indiz für das ungebrochene Verhältnis des Mecklenburgers zum Erbe. Das Erbe des Mecklenburgers wird von Außenstehenden traditionell als schwer und schlimm eingestuft. So war kürzlich in unserer Presse zu lesen, daß die Leistung eines Olympiasiegers -ich glaube, aus dem Bezirk Schwerin hervorgegangen - um so erstaunlicher sei, als doch Mecklenburg so lange ein so rückständiges Land war. Das lastet freilich auf einem Sportler, auch wenn er noch lange nicht so alt ist wie jene Republik, die zu Mecklenburg seit mehr als dreißig Jahren, man kann wohl sagen, enge Beziehungen unterhält.Es wird ja überhaupt nicht wenig daran gearbeitet, das Selbstwertgefühl des Mecklenburgers zu steigern und zu festigen. Man schanzt ihm Urlauber zu, baut ihm Industrien, zeigt Interesse