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Man soll Pferde bekanntlich nicht vom Schwanz aus aufzäumen. In diesem Falle möchte ich das jedoch tun. Ich will nicht mit meinen, also eines Europäers, ersten Eindrücken und Erfahrungen in Mexiko beginnen, sondern umgekehrt mit denen einer besuchsweise nach Westdeutschland, nach Hamburg, gekommenen Jungen Mexikanerin aus unserer Verwandtschaft. Wie bei sehr vielen ihrer Landsleute, die reinen Weißen, Indianer und wenigen Neger ausgenommen, mischt sich in ihren Adern indianisches Blut mit europäischem. Patricia, genannt Paty, kommt weder aus einem reichen noch einem armen Hause; Mittelstand", wenn man so will. Der Vater besitzt ein nicht sehr großes Restaurant in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt des Landes. Wir kannten Paty von mehrerenAufenthaltendrüben in ihrem elterlichen Hause seit ihrer Kindheit, und im übrigen war der Kontakt durch Briefe hin und her recht eng. Sie kam also keineswegs als Fremde zu Fremden. Früher hatte sie nur Spanisch gesprochen und geschrieben, später in Abendkursen Deutsch gelernt. Schule, Filme, Zeitschriften und unsere Berichte hatten ihrdasvon den Mexikanern traditionsgemäß sehr gepriesene Alemania" selbstverständlich nahegebracht. Dennoch kam sie mit nur sehr verworrenen Vorstellungen; romantische Schneelandschaften und Winter" spielten darin eine besondere Rolle. Sie brannte darauf, dieses Land persönlich zu erleben. Da sie trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre gleich vielen anderen Mexikanerinnen beruflich noch nicht tätig war, hatte sie der Dauer ihres Aufenthaltes offenbar keine festen Grenzen gesetzt.Vielleichtsechs Wochen, vielleicht zwei Jahre.-Quién sabe! - Wer kann es wissen!" - Ich muß noch bemerken, daß sie bisher die Grenzen ihres Heimatlandes nicht verlassen, also auch die benachbarten USA noch nicht besucht hatte. Sie kannte nur Mexiko, war somit in der Fremde ein echtes ,,greenhorn". Trotz der vielen, wenn auch unbestimmten Erwartungen, die ihr den Antrieb zu der weiten Reise nach der anderen Seite", des Ozeans nämlich, verliehen hatten, brachte sie ihren schönen heimatlichen Stolz, eine mejicana" zu sein und immer bleiben zu wollen, als unverrückbaren Grundbestand mit herüber.Alle Einzelheiten über Patricias Eindrücke, ihr Verhalten, ihre Äußerungen wiederzugeben, geht nicht an, ich muß zusammenfassen. Für die erste, verhältnismäßig lange Zeitspanne von sechs, acht Wochen ist das mit wenigen Worten getan: Sie war restlos erschlagen, unfähig, die Diskrepanz zwischen Traumbild und Wirklichkeit zu überbrücken. Hinzu gesellten sich ein verständliches Heimweh nach Familie, Freundeskreis, angenehmem Klima, einer lichteren, fröhlicheren Welt als der unseren, sodann die Befürchtung, mit ihrem ungeübten, unvollständigen Deutsch, ihren völlig andersartigen Gepflogenheiten Spott zu ernten oder unangenehm aufzufallen, schließlich ein tiefes Mißtrauen gegen fremden Lebensstil und Mangel an Schulung, ihn zu begreifen und damit fertigzuwerden. Aus all dem ergab sich nach außen hin eine völlige Passivität. Sie blieb stumm; nur auf Spanisch reagierte sie, wenn auch nicht so freimütig wie zu Hause. Wo immer sie konnte, zog sie sich zurück, blieb unansprechbar und war für nichts zu erwärmen, sie schien weder Inhalt noch Ziel zu haben und erweckte den Eindruck eines bedauernswerten kranken Tieres. Ursprüngliche Hoffnungen, jugendliche Neugier, weibliche Eitelkeit, künftig als eine derwenigen ihrer Altersgenossinnen, ja ihrer Landsleute, mit dieser großen Schiffsreise nach Übersee und ihrem Aufenthalt in Alemania" glänzen zu können -es reichte nicht aus, den Tiefstand ihrer Gemütsverfassung wenigstens bis zu einem erträglichen Pegel anzuheben. Hinzu kam gerade in diesem Jahr ein äußerst häßlicher Herbst. Sie war am letzten Augusttag, oder richtiger gesagt in einer nassen, kühlen Nacht, in dem großen, ihr unheimlich erscheinenden Hamburger Hafen angekommen und erlebte nun zunächst nichts als ewig graues Wetter.Ich will es kurz fassen: Patricia ist nun schon im zweiten Jahr in Hamburg, und ich sehe sie auch schon im dritten hier. Sie steht seit geraumer Zeit als ungelernte Arbeiterin am Fließband in der Verpackungsabteilung einer Reismühle, nachdem sie vorher zur Aushilfe in einer Seifenfabrik und anfangs als Babysitter" bei einem berufstätigen Ehepaar beschäftigt war. Alle diese Tätigkeiten hat sie sich selbst gesucht. Im Einverständnis mit ihrem Vater und in vorsätzlicher Abwertung hat-