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ie Maler und Bildhauer der europäischen Kulturvölker haben die Befreiung ihrer Kunst, die Erfüllung ihrer vorher verborgenen eigensten Möglichkeiten in einem stürmischen Anlauf vollzogen, der vom vierzehnten Jahrhundert bis zum sechzehnten währte. Malerei und Bildhauerei, die vorher eine rein geistigen Gesetzen gehorchende Bilderschrift von den Dingen des Jenseits darstellten, wurden durch das folgerichtige Wirken einer Kette von Künstlergeschlechtern zu einer neuen Aufgabe befähigt und berufen, die nur nach den Gesetzen reiner Anschaulichkeit gelöst werden konnte: das diesseitige Leben zu adeln und ihm seinen höheren Sinn zu setzen, indem sie es darstellten und in der Darstellung es läuterten und wesenthch machten.
Das Erlebnis der Welt durch die Sinne haben die alten Meister jener auserwählten Epoche neu entdeckt, seine Gesetze erkannt und seine Symbole geprägt.
Die Italiener: die Gesetze des Erscheinens schlechthin und die Vorbilder vollkommenen Erscheinens. Die Deutschen im Gegenteil die unauflösliche Verflochtenheit alles Erscheinenden in Zusammenhängen, die nach allen Richtungen über das Sichtbare hinausgreifen. Die Niederländer sind am tiefsten in das Geheimnis der Materie eingedrungen, in der allein jedes Seiende zur sinnhch wahrnehmbaren Erscheinung wird. Sie haben das Besondere jedes Stoffes mit höchster Sinnenfälligkeit sichtbar gemacht, vom Stein, Glas und Metall über alle Stufen der lebenden und endlich der beseelten bis zur obersten Stufe, der körperlosen Materie: dem Licht. Sie haben aber auch die Materie, die sie zum Mittel der täuschend wahren Wiedergabe aller Erscheinungen entwickelten, bis auf den Grund durchdrungen und durchgeistigt: die Farben und Bindemittel, bildlich und wörtlich gesprochen, transparent gemacht, den Malgründen und Malstoffen ihre eigensten Möglichkeiten abgewonnen.
Dies ist darum die Summe, die man von den höchsten Leistungen der Kunst dieser Völker in jenem Zeitalter empfängt: die Italiener vermitteln uns die Vorstellung des Vollkommenen. Erben der götternahen Kunst der Antike, führen sie uns am nächsten an das heran, was wir „Ideen" im Sinne Piatons nennen: reine, ewig gültige Urbilder aller der Gestalten, die uns in Zeit und Raum nur getrübt und mannigfaltig entstellt begegnen. Die Deutschen tun vor dem Beschauer ihrer Werke die Abgründe der Zeit und des Raumes auf und wie zwischen ihnen, winzig und ohne feste Gestalt, scheinbar verloren und doch zuletzt siegreich alles durchstrahlend, der Funke des ewig lebenweckenden Geistes schwebt und sprüht. Sie zeigen, wie alles aus dem UnergründUchen kommt und im Unausdenkbaren vergeht. Hinter aller Gestalt lassen sie Hintergründe ahnen, aus denen jene lebt, die sich aber selber der Gestalt entziehen.
Den alten Niederländern aber ist es gegeben, den wunderbaren, in jeder neuen Verwirklichung immer wieder einmaHgen Glanz der Erscheinung festzuhalten. Ein kristallener Wasserstrahl, der in ein kupfernes Brunnenbecken rinnt und kleine perlende Wcllenringe aufwirft; eine goldgetriebene Krone, mit funkelnden Edelsteinen besetzt, über der Fülle duftigen dunkelblonden Haares, das in Wellen fließt und weicher als die kostbarste Seide schimmert; der Schmelz der Haut wie von reifen Pfirsichen, der feuchte Glanz der Augen;