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Das Waldgebirg zeigt zweierlei Gesicht
D
ie Namen der Gewässer im Odenwald sind Sage - Morre, Mümling, Mud und Lauter. Ihr Gefälle und Geraun, ein Häherschrei, Rehwild, das durchs Dickicht bricht, das ist, oft für Stunden, alles, was in die sonnfleckige Stille des Waldes dringt, Dann wieder lichten sich Täler, bachschmal und wiesenbunt, flußbreit und siedlungshell. Wenn Landschaft musiziert, so klingt der Odenwald als Volksliedweise.
Bei dem karolingischen Gelehrten Einhard taucht das Waldgebirge erstmals als Odono-walt auf. Die einen leiten das von einem öden Wald ab oder erklären ihn zum Forst der Toutonen, Teutonen; andere vermuten in dem Namen das althochdeutsche Wörtchen ot, also Gut, und Odenwald bedeutet ihnen soviel wie Gemeingut, freier Wald. Wieder andere bemühen einen fränkischen Adehgen Odo oder gar den germanischen Göttervater Odin, dessen Andenken hier in der Sage vom Wilden Jäger weiterlebe. Schlüssig ist keine dieser Wortwurzelklaubereien. Auf der Landkarte zeichnet sich der Odenwald als laubgrünes Rechteck ab. Im Westen zieht die Bergstraße einen markanten Trennungsstrich; im Süden gürtet ihn der Neckar; gegen Norden läppt er in die Rhein-Main-Ebene aus; gegen Osten schwingt er mählich in die felderweite Muschelkalkebene des Baulandes aus. Willkür haftet dieser wie jeder Grenzziehung an, denn erdgeschichtlich gehört auch der Kleine Odenwald jenseits des Neckars zum Gebirge, und so gibt es südlich von Heidelberg noch eine Kleine Bergstraße, die bis Wiesloch zieht.
Bei einer mittleren Höhe von 400 Metern bleibt der Odenwald ein bescheidenes Mittelgebirge. Auf den ersten Bhck mag das ernsthaft-eintönige Gewog seiner südlich weich konturierten Waldblöcke eine in sich geschlossene Landschaft vorspiegeln. Aber mitten durch den Odenwald geht ein Riß. Erdgeschichte hat dramatisch mitgespielt. Als sich im Tertiär die Alpen auffalteten, barst der südwestdeutsche Sockel unter dem Druck des jungen Massivs; ein Stück Land sank in die Tiefe, während sich die Randkanten dieses Grabenbruchs allmähhch aufstülpten. So entstand das heutige Oberrheintal, spiegelbildlich gedämmt von Schwarzwald und Vogesen, Pfälzer Wald und Odenwald. Tiefengesteine, ghmmerglitzernd, Granite, Gneise, kristalline Schiefer, bauen den westlichen, den vorderen Odenwald auf. Bei dem Aufwölbungsprozeß quoll Magma aus, Vulkanismus flackerte auf. Melaphyre um Darmstadt, Porphyrbrüche zwischen Weinheim und Dossenheim, Basaltpfropfen wie der Otzberg erinnern daran. Die höchste Erhebung des Odenwaldes, der 626 Meter hohe Katzenbuckel stößt als vulkanischer Härtling aus der Tafel des Buntsandsteins. Denn während im aufsteigenden vorderen Odenwald der Deckmantel des Buntsandsteins von der Erosion zerschhssen wurde, bheb im hinteren Odenwald der Sandstein kompakt erhalten. Die Grenze zwischen den beiden Gesteinsreichen verläuft auf der Linie Heidelberg-Waldmichelbach-Weschnitz auf Groß-Umstadt zu.
Den schönsten Blick auf den Odenwald bietet die Lorscher Düne, draußen im Ried. Das Ge-