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VOM WESEN DES ÖSTERREICHERSVon KARL HEINRICH WAGGERLEs wäre ein überhebliches Beginnen, wollte ich, der Schreiber, den Bildern dieses Buches das Gleichgewicht halten, so verlockend sich dem Betrachter manches überschwengliche Wort anböte. Wenig würde es auch fruchten, wenn ich es unternähme, etwa die geographische Gestalt Österreichs in einem kargen Umriß nachzuzeichnen, und vollends müßte ich daran verzweifeln, nur ungefähr andeuten zu können, was dieses Land in zweitausend Jahren seiner Geschichte durchlebt und erlitten hat, oder was es zum Weltbesitz an Gütern der Kultur, der Wissenschaft und der Kunst beisteuerte.In all dem also werde ich mich bescheiden müssen. Aber vielleicht ist der Versuch nicht ganz unnütz, etwas über das Wesen des österreichischen Menschen auszusagen. Denn, sofern mir das gelänge, wäre es doch um ein Geringes mehr, als man in Bildern ausdrücken kann. Vielleicht darf ich auch sagen, daß ich etwas Derartiges nicht ganz unberufen unternehme, zumindest, weil ich selber Österreicher bin nach meiner Herkunft und in meiner ganzen Art, wenn ich alles sorgfältig ausscheide, was ich an meinem Charakter verdorben habe.Freilich ist, was die Eigenart des Österreichers so unverkennbar macht, schwer zu fassen. Ich werde midi des Kunstgriffes bedienen müssen, ihn heimlich Zug um Zug mit einem sozusagen normalen Mensdien etwa angelsächsischer oder norddeutscher Prägung zu vergleichen.Zunächst und am auffälligsten zeigt sich, daß die Lebensführung des Österreichers von einem wunderlichen Dilemma beherrscht wird, von dem ängstlichen Gefühl einerseits, daß im Ablauf der Dinge immer etwas Drohendes, Unberechenbares mitwirke, und anderseits von der wehmütigen Einsicht, daß es im Grunde vergeblich sei, etwas dagegen zu tun. Die Sprache des Landes drückt das in zwei Redensarten aus: Da muß was g'schehn!" und: Da kann man halt nichts machen " Dieses ständige Schwanken, diese Scheu vor endgültigen Entschlüssen, überhaupt vor allem, was scharfe Konturen hat, bringt ihn in den Ruf, unzuverlässig zu sein. Allerdings trägt ihm seine Schwäche auch den Nutzen ein, daß er nirgends in der Welt Feinde hat. Denn überall verzeiht man dem Nächsten lieber seine Fehler als seine Vorzüge. In Wahrheit ist der Österreicher gar nicht so unsicher, er ist nur vorsichtig. Das Schicksal hat ihn an Gefahr gewöhnt, immer mußte er und muß auch heute noch vieles gegeneinander abwägen. Die Natur ist nirgends genau, wie sollte es der Mensch in seinen Entschlüssen sein können? So ist der Österreicher zum Meister der Improvisation geworden, der Kunst, sich mit dem jeweils Gegebenen einzurichten. Dazu braucht er Zeit, oder vielmehr, er gebraucht sie, indem er sie aus sich selber wirken läßt. Nichts haßt er mehr als Hast, als überstürztes Tätigsein, das, was er hudeln" nennt. Oft werde ich auf meinen Reisen im Ausland gefragt, wie es denn bei mir daheim mit der Arbeit stünde, mit dem Vorankommen, mit dem Wiederaufbau. Ich sage dann gern, wir seien noch mit den Schäden aus dem Türkenkrieg beschäftigt, mit den neuen hätten wir uns noch gar nicht befassen können. Unerschöpflich ist die Geduld, mit der der Österreicher seine eigenen Schwächen erträgt. Er betrachtet eben das Dasein als ein Gefüge, das sich mit Sinn und Widersinn im Gleichgewicht hält. Vielleicht hat er auch im jahrhundertelangen Umgang mit seinen östlichen Nachbarn etwas vom Fatalismus des Orientalen ins Blut3