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Potsdam oder Auf der Suche nach dem verlorenen PreuBen Jean Paul nannte die Residenzstadt der preuBischen Könige im Südwesten Berlins die schönste Vorstadt der Welt. Aus der FluB- und Seenwelt der Havel erhob sich Potsdam beinahe wie Venedig. Das Wasser umschioB die Stadt in einem Halbkreis, hollándische Grachten teilten die formvollendete barocke Bebauung. Schon von fern grüBten den Besucher die Türme der Nikolai-, Heiligengeist- und Garnisonkirche, die Fassade des Stadtschlosses spiegelte sich gerade dort im Wasser des FluBlaufes, wo dieser eine schmale Insel bildet. Dieses Potsdam gibt es nicht mehr. Gleich zweimal hat die Stadt in diesem Jahrhundert eine Art stádtebauliche Hinrichtung erlebt: beim Bombenangriff im Frühjahr 1945 - und bei dem Versuch der SED, die Erinnerung an PreuBen nicht nur ideologisch, sondern auch architektonisch auszuradieren. Die Gegend um Potsdarrw, beschrieb Friedrich Nicolai 1786 das einstmals márchenhafte Ambiente der PreuBen-Stadt, ist so schön, als sie in einem flachen und sandigen Lande seyn kann. Vor den mehrsten Thoren sind Alleen; und weiter hin, meistentheils am Wasser, sind Wálder, buschichte Hügel und Weinberge. Von einigen benachbarten Bergen hat man schöne und abwechselnde Aussichten nach der Stadt, über die sehr breite Havel, nebst einigen Seen, nach verschiedenen Dörfern, und nach den Königl. Gárten, Waldern, Lustschlössern und Háusern, die zum Theil wieder auf kleinen Anhöhen Hegen. Heute empfángt die Stadt den Besucher mit einer Silhouette schábiger Hochháuser der sozialistischen Plattenbauweise. Dazwischen verlaufen zugige, mehrspurige Verkehrsachsen. Die Brücke über die Havel, früher ein majestátisches Bauwerk aus acht guBeisernen Bögen, gleicht einer heruntergekommenen Autobahnüberführung. Am FiuBufer erhebt sich statt des Schlosses ein 17stöckiger Betonklotz der früheren DDR-Kette lnterhotel. Es gibt Stádte, hatte sich der englische Schriftsteller George Bernhard Shaw wáhrend des Ersten Weltkrieges gewünscht, die verdienen ausgelöscht zu werden. Eine davon ist Potsdam. Der Fluoh ging erst am Ende des náchsten Krieges in Erfüllung - in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945. Damals warfen 490 Lancaster-Bomber der Royal Air Force 1750 Tonnen Sprengstoff über der Stadt ab. Von unserem Mansardenstübohen aus sahen wir das brennende Potsdam-, erinnerte sich spáter eine Bewohnerin. Ein schaurig-schönes Bild im Licht der langsam verlöschenden Leuchtkugeln. Die Innenstadt brannte lichterloh. Damals und wáhrend der darauffolgenden Angriffe wurden fast alle markanten Punkte der Stadt beschádigt oder zerstört, darunter das StadtschloB, das Schauspielhaus, die Heiligengeistkirche und die berühmte Garnisonkirche. 900 Bürgerháuser waren nur noch Schutt und Asche, 3500 Menschen kamen ums Leben. Militárisch machte der Angriff freilich keinen Sinn, denn Deutschland war lángst geschlagen, Drei Wochen spáter kapitulierte es bedingungslos. Der zweite Untergang Potsdams erfolgte unter der Ágidé der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die aus dem Hort des preuBischen Militarismus eine sozialistische Bezirksstadt schmieden wollte. Was der altén Residenzstadt in 40 Jahren Sozialismus angetan wurde, übertrifft in seinen Auswirkungen beinahe noch die Bombennacht im April 1945. Fünf Kilometer Barockfassade und mehr als 200 Háuser fielen dem AbriB zum Opfer. An die Stelle des ehemaligen Lustgartens trat ein Arbeiter- und Bauern-Stadion, von Rosa Thálmann und Wilhelm Pieck 1949 feierlich eingeweiht. Systematisch wurden in der Folgezeit dann die ausgebrannten Glanzpunkte preuBischer Architektur gesprengt: das StadtschloB (1959/60), das Schauspielhaus (1966), die bereits im Wiederaufbau befindliche Garnisonkirche (1968) und schlieBlich die Heiligengeistkirche (1974). Chruschtschow machte sich zuweilen einen SpaB daraus, wáhrend seiner Staatsbesuche in der DDR die Schlösser der Hohenzollern besichtigen zu wollen. Verlegen muBten seine deutschen Gastgeber dann zugeben, diese Relikte des Feudalismus in die Luft gesprengt zu habén. Ja, richtig, fiel es ihm daraufhin ein, die habt ihr ja abgerissen. Warum eigentlich? In RuBland habén wir die Schlösser der Zaren alle wiederhergestellt. Am Ende der Chruschtschow-Ára soil Ulbricht vor diesem Hintergrund den Wiederaufbau der PreuBen-Schlösser erwogen habén. Man feilte sogar schon an einer einigermaBen einleuchtenden Begründung für die Neuerrichtung der gerade erst abgerissenen Bauwerke. Mit dem Sturz des Reformers in Moskau erübrigten sich solche Pláne. Verheerend für Potsdam war vor allém, daB die sozialistischen Planer nicht nur Gebáude, sondern auch den GrundriB der Stadt zerstörten. Das friderizianische Stadtbild mit seinen italienischen Platzen und den schmalen, von niedriger Bebauung gesáumten StraBen entstellten sie im Laufe der Jahre beinahe bis zur Unkenntlichkeit. Der Stadtkanal wurde ebenso zugeschüttet und samt Brücken beseitigt