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Schönes Bremen [antikvár]

Hanns Meyer

 
drückten ihr Erstaunen darüber aus, daB eine Stadt bedachtiger Kaufleute und nüchterner Rechner, die sich seit der Aufhebung der mittelalterlichen Befestigungswerke gewaltig entwickelte und deren Bevölkerung seitdem um das Zehnfache zunahm, teuersten Grund und Boden inmitten der Stadt für Grünaniagen und Spazierwege opfert. Nun - an handfesten Vorschlagen, diese Wallanlagen für andere Projekte zu verwenden, hat es nicht gefehlt. Aber starker war der Sinn für die gewachsene Struktur und die Individualitat des Stadtbildes. Vieies hat...
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drückten ihr Erstaunen darüber aus, daB eine Stadt bedachtiger Kaufleute und nüchterner Rechner, die sich seit der Aufhebung der mittelalterlichen Befestigungswerke gewaltig entwickelte und deren Bevölkerung seitdem um das Zehnfache zunahm, teuersten Grund und Boden inmitten der Stadt für Grünaniagen und Spazierwege opfert. Nun - an handfesten Vorschlagen, diese Wallanlagen für andere Projekte zu verwenden, hat es nicht gefehlt. Aber starker war der Sinn für die gewachsene Struktur und die Individualitat des Stadtbildes. Vieies hat sich im Laufe der Zeit in Bremen gewandelt, noch mehr hat der Krieg zerstört. Geblieben aber ist das einzigartige Gefüge der mit dem Marktplatz unmittelbar verbundenen Platze: Liebfrauenkirchhof, Domshof, Domsheide; geblieben ist die Führung der StraBenzüge: die groBe Ostwestachse, die zum Weserstrom abfallenden QuerstraBen, die UferstraBe der Schlachte, das Gewirr der Gassen im Schnoor. Nicht zuletzt liegen die Schwierigkeiten des Wiederaufbaues darin, mit dieser überlieferten Struktur die Erfordernisse unserer Zeit in Einklang zu bringen. In differenzierten Abstanden gruppieren sich um den Marktplatz die Gebaude der Bankén, die Hauser der Import- und Exportfirmen, der Versandgeschafte, Reedereien, Spediteure und SchifFsmakler und moderne Schaufensterbauten in den groBen LadenstraBen. Früher war das Stadtbild stark durch die Uferbebauung bestimmt, durch die groBartige Silhouette hochragender Packhauser. Sie ist im Kriege vernichtet worden und nicht wiedererstanden, weil Packhauser im Stadtkern wirtschaftlich nicht mehr erforderlich sind. Wenn jetzt eine Uferpromenade entlang der gesamten Innenstadt geschaffen worden ist, so wird durch solche Betonung der Weserachse der eigentliche Grundcharakter Bremens unterstrichen: einer Stadt am Strom, die unmittelbar in ihren Mauern den Pulsschlag von Ebbe und Flut spürt und die sterben muB, wenn sie vom Meere abgeschnitten wird. Alte Stadte und insbesondere alte Hafenstadte leben in doppelter Gefahr. Entweder bewahren sie ihre von Jahrhunderten umwitterte Schönheit, beharren in ihrem langsam gewachsenen Gehause und zehren von romantischen Erinnerungen an vergangene GröBe; oder aber sie sprengen immer neu ihre alte Schale, kampfen mit der ganzen Rücksichtslosigkeit des Lebendigen gegen ein wirtschaftliches Absterben und opfern dafür die historischen Werte, die sie von neuen Stadten unterscheiden. Bremen ist sowohl dem einen wie dem anderen Schicksal entgangen, ist sehr traditionell und fortschrittlich zugleich. Der bremische Mensch Bremen ist eine niedersachsische Stadt - was Landschaft und Volkstum anbetrifft. Die Bevölkerung erhielt Jahrhunderte hindurch Zuzug aus der náheren und weiteren landlichen Umgebung. Wahrend aber bei dem baurischen Menschen im niedersachsischen Raum Bedachtigkeit und Besonnenheit sich leicht zu Schwerfalligkeit entwickeln, Festigkeit und Beharrlichkeit zum Starrsinn werden,Zurückhaltung und Verschlossenheit zur Eigenbrötlerei und zum AbschlieBen von der Welt führen, wirken sich bei dem bremischen Menschen die niedersachsischen Eigenschaften auf andere Weise und in anderer Ordnung aus. Zu allén Zeiten muBten sich die Bremer mit dem Strom und der See auseinandersetzen und alle Krafte aufwenden, um sich imWettbewerb der Welt zu behaupten. Schiffahrt, Seehandel und Hafenwirtschaft stellten Aufgaben, die auf dem ersten Blick kaum mit dem schweren Blut der Niedersachsen vereinbar erscheinen. Bedachtigkeit und Besonnenheit müssen durch Unternehmungsgeist und Wagemut erganzt werden, sogar ein SchuB Abenteuerfreude darf nicht fehlen; Festigkeit und Zahigkeit müssen mit Aufgeschlossenheit und innerer Beweglichkeit gepaart sein; die Zurückhaltung hat sich von MiBtrauen freizuhalten. Alléin solche Menschen kamen und kommen voran und wurden zum Leitbild aller echten Bremer. Nur durch den steten Zwang immer neuer Bewahrung und durch standige Auslese entwickelte sich der bremische Menschenschlag, der durch eine starke Polaritat, ein Spannungsverhaltnis scheinbar gegensatzlicher Eigenschaften, gekennzeichnet ist. Das Hinausstrebende und das Beharrende, dasWeltsuchende und dasHeimatgebundene sind solche polar zugeordneten Eigenschaften, die Spannung setzen und immer neu erzeugen. Der viel zitierte Wagemut, das kühne Zupacken erhielt seine eigentlich bremische Note durch die Verbindung mit einer zuweilen erschreckenden Nüchternheit, mit der groBzügig entworfene Pláne in die Wirklichkeit umgesetzt oder auch - nach gründlicher Prüfung - einfach wieder fallengelassen werden. über einem ehemaligen Stadttor standén mahnend die Worte: Bremen wes ghedechtich - late neict mer in - du beist öhrer mechtig und über dem Portai des Hauses der Kaufleute, des Schüttings, liest man: Buten un binnen -Wagen un winnen.

Termékadatok

Cím: Schönes Bremen [antikvár]
Szerző: Hanns Meyer
Kiadó: Carl Schünemann Verlag
Kötés: Fűzött keménykötés
Méret: 230 mm x 280 mm
Hanns Meyer művei
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