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SPffiGELREICH EUROPASVor wenigen Tagen erst mußte der Panzer der jugoslawischen Armee im Schilf neben der Straße nach Köper resigniert haben. In einer Stunde würden wir in der Wildnis eines winzigen Gartens über Piran sitzen und schwarzen Teran auf die Manen jenes geheimnisumwitterten Toten trinken, der uns zwei Jahre zuvor die Unabhängigkeit Sloweniens prophezeit hatte. Unter meinen slowenischen Freunden gibt es einige, die zusammenzucken, wenn sein Name fällt, sie mögen mir's (und ihm) nicht nachtragen: Es war mein Freund Joze Javorsek. Eine janushäupti-ge Gestalt zwischen der Brutalität der Politik und den Weihen der Dichtung, zwischen zentraleuropäischem Nihilismus und französischer clarté. Wir hatten uns auch um die wuchernden Stauden und Ranken, um ihre Population aus Eidechsen und Katzen im Garten des Verstorbenen gegrämt, als wir am 26. Juni 1991 im Fernsehen mit ansehen mußten, wie Panzerketten den dionysischen Jubel der Preseren-Hymne überdröhnten.Janusköpfig war Joze Javorsek gewesen wie sein genialer Intimfeind Edvard Kocbek, der Dichter zwischen Katholizität und Existenzialismus, auch er versehrt von der Politik des Jahrhunderts. Seine noble Totenmaske schaute seinem Sohn, dem Graphiker, und mir zu, als wir in Ljubljana am Kärntner Heimatbuch" arbeiteten.Einen Januskopf trägt der Maler Zoran Music: Eines seiner Antlitze schaut nach Westen, in den Glanz der Hofhaltung des Präsidenten Mitterrand, wo er der wenigen einer war, die die Würde des Geistes im Dickicht der Politik vertraten. Das andere Antlitz kann sich nicht losreißen von den Totengebirgen, die sich einst in Dachau vor ihm auftürmten.Und das Doppelgesicht des Malers Joze Tisnikar, der im profanen Leben in der Prosektur von Slovenj Gradée arbeitet, auch es blickt in den Tartarus, den die Griechen in den Höhlen von Postojna und Skocjan vermuteten und umfaßt gleichzeitig die üppigen Kuppen der Südsteiermark.Es sind durchwegs jaunsköpfige Gestalten, keine Feldherren, keine Herrscher, die sich mir aufdrängen, wenn von Slowenien die Rede ist, jenem Zwischenreich, dem vor fünf Jahren das gleichermaßen rare wie doppeldeutige Glück widerfahren ist, zum Staate zu werden. Ein Zwischenreich, wo sich krachledemes Steirertum mit Venedigs Sinnlichkeit vermischt, wo sich die verwehten Düfte des alten Orients in den brokatenen Brusttüchlein der Oberkrainerinnen halten. Ein heitereres Jerusalem als das Original befindet sich in seinen Gemarken und inmitten des ganzen das liebliche Ljubljana, die Erdbebenstadt der Drachen und der Nixen, verführerisch in ihrer Untergründigkeit, untergründig in ihrer Verführungskraft.Was nicht heißen soll, daß sich nicht auch unter Sloweniens Territorium Kavernen erstrecken, angefüllt mit uneriöstem Totengebein. Auch Slowenien besitzt seine blinden Flecken und die Bangigkeit, mit der Historie dieses Jahrhunderts zu Rande zu kommen, ist ihm nicht fremd. Als Nachbarn steht es mir nicht zu, in diese Bereiche einzudringen.GEFÄHRLICHE ERINNERUNG" heißt das letzte Buch Joze Javorseks. Doch nur wer sich der Erinnerung stellt, dem wird sie zum Schatz, nicht zur Gefährdung.Ich habe mich damals, als die Kampfhubschrauber wie Homissenschwärme über Emona einfielen, mit meinen slowenischen Freunden geängstigt und mit Kommentaren in der neuen KÄRNTNER TAGESZEITUNG dagegen angeschrieben, daß das alte, neugeborene Zwischenreich von Panzerketten niedergewalzt werden könnte.Vor 70 Jahren schon hatte es der österreichische Okkultist und Dichter Fritz von Herz-manovsky-Oriando in seinen heutigen Grenzen geweissagt: Als Spiegelreich, in dem sich dereinst das ganze Abendland in allen seinen Facetten wiederfinden soll.Das köstliche Geschenk, das die guten Feen am 26. Juni 1991 dem jungen Staat in die Wiege legten, heißt Vieldeutigkeit. Eine andere Identität ist für Slowenien weder wünschenswert noch erreichbar als diese: Ein konzentriertes Europa in der Herzgrube des Kontinents zu sein, zu erhalten und zu kultivieren. Keine leichte Bürde für ein kleines Volk. Allein, nur weil sie dieser Sendung Last tragen, vermochten sich die Slowenen der Übermacht zu erwehren. Sie werden eine schöne Zukunft haben, wenn sie in ihrem Teil Mitteleuropas das üben, was der ja-nusköpfige Magier und Künstler Marko Pogacnik die Heilung der Landschaft" nennt.Bertram Karl Steiner