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Die lebendige StadtWenn ich das Wort Stuttgart höre, dann rieche ich warme Laugenbrezeln und Maschinenöl, AlJetzt gang i ans Brünnele, ich höre Boschhämmer rattern und den Singsang des bemühten Honoratiorenschwäbisch, das in dieser Stadt als Schriftdeutsch gilt. Ich schmecke einen herben Trollinger und einen warmen Leberkäs auf der Zunge. Ich fühle eine glatte Kühlerhaube, von der Sonne aufgeheizt; einen griffigen Holztisch; einen bauchigen Mostkrug; einen drallen Mädchenarm; kleine Münzen zwischen den Fingerspitzen. Bei dem Wort...
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Die lebendige StadtWenn ich das Wort Stuttgart höre, dann rieche ich warme Laugenbrezeln und Maschinenöl, AlJetzt gang i ans Brünnele, ich höre Boschhämmer rattern und den Singsang des bemühten Honoratiorenschwäbisch, das in dieser Stadt als Schriftdeutsch gilt. Ich schmecke einen herben Trollinger und einen warmen Leberkäs auf der Zunge. Ich fühle eine glatte Kühlerhaube, von der Sonne aufgeheizt; einen griffigen Holztisch; einen bauchigen Mostkrug; einen drallen Mädchenarm; kleine Münzen zwischen den Fingerspitzen. Bei dem Wort Stuttgart empfinde ich Zuneigung und Skepsis, Herzlichkeit und Reserve für und gegen diese eher liebenswerte als liebenswürdige, eher rechtschaffene als kurzweilige, eher isolierende als gesellige, eher lebendige als lebhafte Stadt. Denn Stuttgart ist widersprüchlich und reizt auch seine Kinder zum Widerspruch. Nicht umsonst ist hier Hegel geboren, der Dialektiker unter den Philosophen, der das Seiende in Synthese und Antithese auflöste. Hier wird die Sprache gesprochen, die den Superlativ durch den angehängten Diminutiv le vom Erhabenen ins Lächerliche zieht, die aus einem Menschen ein Menschle, aus dem Friedrich ein Fritzle macht. Nur die beiden Begriffe Gott und Geld, beide in Stuttgart hoch in Ehren, lassen sich eine solche Verkleinerung nicht gefallen. Dialektisch sind auch die Epitheta, welche die Stadt charakterisieren sollen: Großstadt zwischen Wald und Reben und Größte deutsche Kleinstadt Oberbürgermeister Klett, ein schlauer Doctor juris mit dem mannhaften Händedruck eines Maurers, nennt sich gern den größten Bauernschultes Deutschlands. Gemessen an der verschluckten Römersiedlung Cannstatt, an der nahen Kaiserstadt Waiblingen, an der ehemaligen Freien Reichsstadt Esslingen hat Stuttgart kaum eine eigene Geschichte. Ausgerechnet der Markgraf von Baden hat das Dorf und Gestüt mit Mauern umgeben und ihr das Stadtrecht verliehen. 1321 wurde Stuttgart Residenz der Grafschaft, 1495 des Herzogtums, 1806 des Königreichs von Napoleons Gnaden Württemberg. Tradition und Nützlichkeit bestimmen die Stadt, deren Wahlspruch das Schreckenswort für jeden Verkäufer des duats no heißen könnte. Das tut es noch, das dient noch seinem Zweck, ob es ein alter Hut oder ein Nähmaschinele, ein Auto oder eine Hochschule, eine Überzeugung oder ein Dogma sind. Man hängt am Sach. Man hält das Material für verläßlich, was wiederum zur Qualität verpflichtet. Man produziert und konsumiert keine Wegwerffabrikate. Man repariert das Ererbte, um es möglichst in zuvertässigem Zustand an seine Kinder und Kindeskinder weitervererben zu können. Man ist traditionalistisch und konservativ. Aber der schwäbische Fleiß ist der Motor, der das überkommene ständig zu verbessern trachtet. Evolutionär, nicht revolutionär. Man täuscht keine Verbesserung durch Kosmetika vor. Nur langsam verlegt man die Wohnung aus der City, wie man den Stadtkern kaum nennen mag, in die schöneren, gesünderen Höhenbezirke. Die Weinberge ziehen ihre Zungen nicht aus der Innenstadt zurück, die bis 200 Meter an den Hauptbahnhof heranreichen, obwohl die Expansion der Stadt aus ihren Kernelementen Fleiß, Geschäftstüchtigkeit, Tüftelei und Arbeitsamkeit gewaltig ist. Zäh sind aber auch die Widerstände gegen Neuerungen. Druck erzeugt Gegendruck. Im Stadtrat, im Vorstand, in der Lokalredaktion. Das Neue, welches das Alte zu überwinden trachtet, und das Alte, das sich schwäbisch zäh dem Neuen entgegenstellt: Dieser Widerspruch erhält die wohlhabendste Stadt Deutschlands, in der der Mensch schafft und das Geld arbeiten läßt, so lebendig.

Termékadatok

Cím: Stuttgart [antikvár]
Szerző: Thaddäus Troll
Kiadó: Belser Verlag
Kötés: Vászon
Méret: 240 mm x 310 mm
Thaddäus Troll művei
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