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DIE TOSKANA UND IHRE GESCHICHTEuf der Landkarte wirkt die dreieckige Toskana wie ein Dorn in der Flanke von Italien, wie ein spitzer Sporn, der die langgestreckte Halbinsel anstachelt und ihr keine Ruhe läßt. Und tatsächlich hat kein zweites Land in Italien das kulturelle Leben so angeregt, ihm soviel Antrieb und Auftrieb gegeben wie die Toskana. DerToskaner Dante Alighieri schrieb mit der Göttlichen Komödie" das erste bedeutende Buch in italienischer Volkssprache, Giovanni Boccaccio gilt als Erfinder der literarischen Form der Novelle und mit seiner realistischen Beschreibung der Pest im Decameron" als ein Vorläufer medizinischer Sachliteratur, Francesco Petrarca brachte in seiner Liebeslyrik als erster auch individuelle Gefühle zum Ausdruck. Macchiavelli wird als Begründer der politischen Wissenschaften angesehen, Leon Battista Alberti als Vater der modernen Kunstkritik. Giotto gab seinen Gestalten, nach der byzantinisch-mittelalterlichen Abstraktion, als erster greifbare Körperlichkeit, Donatello schuf die erste freistehende Aktstatue der Renaissance, Brunelleschi die erste massive Kuppel seit der Antike. Galileo löste sich von der mittelalterlichen Vision und betrachtete seineUmwelt mit den Augen eines modernen, vorurteilsfreien Wissenschaftlers, und Leonardo versuchte vor 500 Jahren zu fliegen. Und auch außerhalb ihrer Heimat bleiben die Tos-kaner ein kulturelles Stimulans: siehe Leonardo in Mailand und Paris, siehe Giotto in Padua, siehe Michelangelo in Rom.Die Toskana war jahrhundertelang -für Ausländer wie für Italiener -das Symbol, ja das Synonym für Italien. Italienische Landschaft, italienische Kunst, itahenische Schönheit schlechthin: Sie fanden und finden in der Toskana ihre Quintessenz, ihr Aushängeschild.Die Toskana gilt als Heimat der italienischen und damit der abendländischen Kultur der Neuzeit, die mit der Renaissance und ihrem neuen Selbstbewußtsein des Menschen erwacht war. Aber die italienische Kultur war hier in Mittelitalien schon 2500 Jahre früher erwachsen, zur glanzvollen Zeit der Etrusker. Über dieses rätselhafte Volk ist während des Etrusker-jahrs" 1985 unendlich viel geschrieben, diskutiert und gemutmaßt worden. Doch der Schleier ist geblieben: Bis heute hat die etruskische Sprache nicht rekonstruiert werden können, bis heute sind sich die Wissenschaftler nicht einig darüber, ob es sich um ein aus Kleinasien oder Ägypten eingewandertes oder ein autochthones mittelitalienisches Volk gehandelt hat - wobei die erste dieser Thesen romantischer klingt, die zweite aber größeren Widerhall in Gelehrtenkreisen findet. Und sie weisen, um diese Theorie zu stützen, auf die historische Kontinuität hin, die zwischen der ausgehenden Villanovakultur um 1000 V. Chr. und den ersten Spuren etruskischer Kultur besteht.Die Etrusker gründen - nach dem Vorbild der griechischen po/is, die sie beim Seehandel im griechischen Süditalien oder in Hellas selbst kennengelernt hatten - die ersten wirklichen Städte auf der italienischenHalbinsel, begründen die erste Hochkultur im westlichen Mittelmeerraum. Sie waren große Seefahrer und Kaufleute, waren Meister in der Metallurgie und im Wasserbauwesen, und in ihren Gräbern sind Statuen von berückender, bewegender Schönheit ans Tageslicht gekommen.Aber die Etrusker hatten auch einen verhängnisvollen Hang zu Wahrsagung und Orakeldeutung - und dies könnte dafür sprechen, daß sie von Babylon, von Ägypten, von anderen orientalischen Kulturen zumindest stark beeinflußt waren. Einer alten Prophezeiung nach sollte ihre Kultur zehn Jahrhunderte dauern, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Dieses Ende nach tausend Jahren wurde für sie, die in fatalistischer Überzeugung daran glaubten, nach und nach zu einer immer größeren psychologischen Belastung, zu einer fixen Idee. Sogar die Malereien, mit denen ihre Gräber reich ausgeschmückt sind, spiegeln diese kulturelle Konjunktur" wider: Auf dem Höhepunkt der etruskischen Kultur, um das 7./6. Jahrhundert vor Christi Geburt, entstehen an den Grabwänden optimi-stisch-diesseitige Darstellungen von fröhlichen Tänzen, von freudigen Festmahlen. An ihre Stelle aber treten, je mehr die Kultur sich ihrem