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IMPRESSIONEN AUS UNGARNDas Fremdartige kündigt sich an. Hinter Bruck an der Leitha, kaum vierzig Kilometer von Wien entfernt, streng geographisch und geopolitisch gesehen noch im Westen, geht plötzlich alles zu Ende, was sich im Bewußtsein als westlich, als österreichisch eingeprägt hat: die saftig grünen Wiesen, die Holzbalken und hohen Giebel, der würdige Prunk der Barockstifte und das Summen der Elektroloks in der kristallklaren Bergluft. Die schnurgerade Straße, von wilden Akazien gesäumt, scheint in eine grenzenlose Leere zu führen. Ein langgestrecktes Dorf schwebt in der Ferne, seine weißgetünchten Häuserzeilen sind wie von Kinderhand gezeichnet. Die Sonne, in Wien noch mädchenhaft, leichtfüßig und kokett, ist eine stumme Bäuerin geworden, die mit schwerer Hand über das Getreide streift. Im Straßengraben roter Mohn, Salzaster, Bartnelke, blaue Zichorie, Blumen, die schon zur ponto-asiatischen Steppenflora gehören. Ein magerer Ziehbrunnen döst vor sich hin, weicht zurück, verschwindet am Rand eines unwirklichen Horizonts, der sich im diffusen Licht zerstreuter Perlmutterstrahlen von der Erde losgelöst hat. Ein Storch segelt über gelben, ausgedörrten Tümpeln, sein Schatten zieht lautlosden sandigen Pfad entlang, vorbei an einem verrosteten Schienenstrang, der sich im bleifarbenen Nichts verliert. Im Dorf, es ist Parndorf an der Kreuzung zweier österreichischer Bundesstraßen, sitzen schwarzgekleidete alte Frauen vor den niedrigen, kalkweißen Häusern, sie sitzen auf kleinen Bänken neben den breiten Toreinfahrten, die braunen Wurzelhände im Schoß, das schwarze Kopftuch eng unter dem Kinn gebunden. Der warme Fahrtwind riecht nach Korn und Staub. Hier beginnt die Welt des Ostens. In etwa zwanzig Minuten taucht die ungarische Grenze auf.Man sieht vorerst das Niemandsland, den schäbigen Drahtverhau im Gestrüpp und die hohen Wachttürme. Sie muten wie unsinnige Relikte einer heute kaum mehr begreifbaren Vergangenheit an, und sie sind es auch. Denn sie sollten, so versichern später zahlreiche, auch hochrangige Gesprächspartner im Land, weder ungarische Wehrhaftigkeit noch Mißtrauen demonstrieren, sie markieren, notgedrungen und auch aufgezwungen, die große Trennlinie zwischen zwei politischen Welten, zwischen dem kapitalistischen und dem kommunistischen System. Man wirbt behutsam um Verständnis und deutetdabei vorsichtig an, daß die zweifellos unheimliche Anlage, die heute praktisch keine Funktion mehr hat und wofür man sich immer mehr schämt, in absehbarer Zukunft beseitigt werden könnte. Die Grenzstation Hegyeshalom, großzügig ausgebaut, sauber und modern, zerstreut die letzten Bedenken und Ängste, man habe sich in ein bedrückendes, unbequemes, ja vielleicht gar gefahrliches Abenteuer eingelassen. Es ist eine durch und durch europäische Grenzstation, sie könnte ebenso in Osterreich sein, in der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz, am Rhein oder zwischen Venti-miglia und Menton am Mittelmeer. Der Osten grüßt mit westlichen Farben, Linien und mit westlicher Atmosphäre, und er grüßt recht herzlich. Die Grenzabfertigung geht rasch und höflich vor sich, gute Reise und schöner Aufenthalt werden gewünscht. Gäste sind in Ungarn höchst willkommen.Stacheldraht, von schwerbewaffneten Soldaten besetzte Wachttürme und die offene, freundliche Grenze geben den Fremden die erste Lektion von einer harmonischen Disharmonie der ungarischen Gegenwart, von Widersprüchen, denen man noch oft begegnen wird sie haben im7