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Nationalcharakter und Charakteristika
Bei uns braucht man keine geheime Polizei, weil Jedermann laut denkt
Mór Jókai
Wer ist ein Ungar? Wo ist seine Heimat, was bedeutet sie ihm? Die vielleicht schönste, persönlichste Definition habe ich im Herbst 1985 in einem drittklassigen Speiselokal im transdanubischen Ölzentrum Nagykanizsa gehört. Wir saßen nach dem Abendessen noch bei einem Gläschen Wein, als vom Nebentisch ein etwas dunkelhäutiger, schwarzhaariger Mittdreißiger auf unseren Tisch zukam und scheu fragte - da er gehört habe, daß wir deutsch sprechen -, ob er sich kurz zu uns setzen dürfe. Er sei vor mehr als zehn Jahren drei Jahre lang in Rostock als Gastarbeiter gewesen, begann er - bereits ein wenig angeheitert - zu plaudern. Er habe sich in der DDR sehr wohl gefühlt, erzählte er, obwohl er gut wisse, daß der Lebensstandard in der Bundesrepublik wesentlich höher sei. Es sei insgesamt eine schöne Zeit gewesen, erinnerte sich Lajos an seine Jahre in der DDR, wenn er damals auch habe recht hart arbeiten müssen. «Ein solches Arbeitstempo sind wir hier nicht gewohnt», meinte er schmunzelnd.
«Wißt Ihr eigentlich», fragte er, urplötzlich das Thema wechselnd, «daß es nie mehr die Pyramiden in Mexiko geben wird? Ein furchtbares Erdbeben hat in der Nacht das Land total zerstört. Habt Ihr das im Fernsehen gesehen? Ich bin unglücklich darüber. Vor ein paar Jahren habe ich mit meinem Onkel, der in Amerika als Musiker lebt, die Vereinigten Staaten und auch weite Teile Mexikos bereist. Ich bin viel herumgekommen, ich war in Acapulco und Guadalajara, es war sehr schön!» - «Sag mal Lajos», fragte ich ihn, nachdem wir uns aufs Duzen geeinigt hatten, «warum bist Du denn nicht in den USA geblieben, wenn Du so davon schwärmst?» - «Schau», sagte er in aller Bierruhe, «selbst wenn ich damals nicht bereits drei Kinder gehabt hätte: Dort wäre ich auch trotz des Wohlstands immer ein Ausländer, ein Fremder geblieben. Hier bin ich noch als Zigeuner ein Ungar, hier bin ich zuhause, bin hier daheim »
Wer also ist ein Ungar? Wo also ist des Ungarn Heimat? Man nehme den Bildband zur ungarischen Kunst Meisterwerke aus tausend Jahren - erschienen im Frühjahr 1988 im Corvina Verlag Budapest, dem führenden Verlagshaus Ungarns - zur Hand, um das nationale Selbstverständnis der Ungarn ein wenig auszuloten. - Die quälende Frage der Magyaren lautet seit einem Dreivierteljahrhundert, seit der Gründung eines selbständigen, damals Königreichs Ungarn, etwa: Was ist Ungarn? Wo ist Ungarn?
Die marxistischen Historiker tun sich ebenfalls schwer, die Geschichte ihres Landes eindeutig objektiv zu beschreiben, denn jahrhundertealte Beziehungen sind spätestens nach dem Ersten Weltkrieg jäh unterbrochen worden. Der Friedensvertrag von Trianon am 4. Juni 1920, den viele Patrioten in allen politischen Lagern als eine Schmach empfanden und was manche auch heute noch so ähnlich artikulieren, bedeutete den Verlust nicht nur eines großen Teils des einstigen Staatsgebietes, sondern auch die widernatürliche Trennung organisch gewachsener ethnischer Gebiete.
Teile des ehemaligen Oberungarn waren schon 1918 der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik CSR zugesprochen worden, und noch heute beherrschen manche Ungarnstämmige in der CSSR die Landessprache Slowakisch nur außerordentlich mangelhaft oder gar nicht.