Bővebb ismertető
Wo
lo liegt Ungarn? Zuweilen läßt sich die einfachste Frage nicht leicht beantworten. Wohl kann man die geographische Breite und Länge angeben, aber was ist damit bestimmt? Die Lage unseres heutigen kleinen Landes im geographischen Raum. Das aber sagt recht wenig über seinen Platz in der Zeit aus. Wo also liegt Ungarn? Das Karpatenbecken hat in der Tiefe eine Bruchlinie - auf der Oberfläche ist dies durch den vulkanischen Gebirgszug des Ungarischen Mittelgebirges nachgezeichnet; in erdgeschichtlichen Zeiten soll eine abgebrochene Tafel von der Erdkruste Ur-Afrikas hierhergeschwemmt worden sein und sich mit Ur-Eurasien vermählt haben. Viel viel später, in Zeiten des Menschengeschlechts, vor etwa 5000-6000 Jahren, haben sich entlang der Theiß Teils aneinandergereiht. Diese mit einem arabischen Wort bezeichneten Wohnhügel sind von Mesopotamien über Kleinasien bis zum Balkan in allen Gebieten bekannt, die von der neolithischen Revolution der Nahrungsmittelproduktion erfaßt wurden. Hier verläuft die westlichste und nördlichste Grenze, die von der jungsteinzeitlichen Entwicklung nicht überschritten wurde. Damals ging also das Gebiet östlich der Donau dem im Westen kulturell voran. Später sollte dies immer umgekehrt sein. Gebildeter Osten und barbarischer Westen - so etwas hat es in geschichtlichen Zeiten nie wieder gegeben. Als sich dann in der Zeit um Christi Geburt in diesen Breiten die Herrschaft des lateinischen Rom herausbildete, für Jahrhunderte festigte und schließlich stürzte, war die römische Provinz Pannonién etwa mit dem heutigen Transdanubien -der westlichen Hälfte des Landes - identisch. Die Grenze, der Limes, war die Donau, die das organisierte Reich vom düsteren Barbarikum hier, in der Mitte des Karpatenbeckens, trennte. Auf dem blutig langen Weg der Völkerwanderung traf das ungarische Volk vor 1100 Jahren vom Osten her im Karpatenbecken ein, ließ sich hier nieder und bildete vor 1000 Jahren seinen Staat. Als es unter den gegebenen Möglichkeiten nicht das östlichbyzantinische, sondern das westlich-römische Christentum wählte, hatte sich wieder etwas entschieden. Dadurch ist der Ostrand des ungarischen Siedlungsgebietes zur Grenzlinie zwischen Gotik und Zwiebelkuppel geworden; später machte auch der in Ungarn stark vertretene Protestantismus vor dieser Linie halt. Das Osmanenreich kam auf der Höhe seiner Macht bei seinen Eroberungszügen über den Balkan bis an den Rand der Ungarischen Tiefebene und Transdanubiens, belagerte Wien, nahm es aber nie ein. Obwohl die Leitha nur ein kleines Flüßchen unterhalb Wiens ist, war die Bezeichnung „jenseits der Leitha", vom Westen gesehen, eine Grundkategorie im deutschen Denken. Denn Menschen deutscher Zunge lebten und leben geschlossen bis zur Leitha. Wurden sie im Lauf der Zeit in Gebiete „jenseits der Leitha" verschlagen, bilden sie eine nationale Minderheit. Die Ironie der Geschichte wollte, daß in unserem Jahrhundert, nachdem sich die Siegeseuphorie von 1945 verflüchtigt hatte und der kalte Krieg seinen Anfang nahm, der eiserne Vorhang, der Europa in eine westliche, zu Wohlstand verurteilte Hälfte, und eine östliche, der sowjetischen Sphäre zugehörige teilte, die dauerhafte Trennlinie zwischen zwei Weltlagern, „an der Leitha" veriief. Wo also liegt Ungarn? Es wird auch „Fähren-Land" genannt, ein Land, das zwischen Ost und West mal hin und hergerissen wird, mal aus Verzweiflung selbst ans Ruder tritt. Ein Land, das seinen Platz in Mittel-Ost-Europa zu finden meint und doch nicht findet. Denn es liegt in Ost-Mittel-Europa. Diese kleine Wortumstellung hat große Bedeutung