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Einleitung IR, das heifit meine Frau und ich, befanden uns auf dem Weg von Mailand nach Venedig. Zögernd und fast unwillig verringerte unser Zug noch einmal vor der letzten Station, dem Industrievorort Mestre, seine Fahrt. Mestre liegt auf dem Festland und ist mit seiner Mutterstadt Venedig durch einen doppelgleisigen Bahndamm verbunden, der mit mehr als drei Kilometer Lángé genauso lang ist wie die ganze Inselstadt. Ungefáhr ein Drittel aller Venezianer lebt auf dem Festland. Als der Zug anhielt, stiegen zwei Mestrini" aus. Obwohl ihrem Aufbruch jeder dramatische Akzent fehlte, fühlten sich einige der Reisenden - übrigens durchweg Auslánder, man schrieb den Ferienmonat Juni - in gelinde Aufregung versetzt. Ist das Venedig?" fragte jemand. Eine Art Pánik verbreitete sich mit Windeseile in dem langen Wagen: alle, die noch nicht vorher zu ihren Hüten gegriffen und das Handgepáck herabgezerrt hatten, machten sich jetzt damit zu schaffen. Ist das Venedig?" Die Stimme wurde dringlicher. Nein", sagte ich so phlegmatisch und allwissend wie nur eben möglich und hoffte, auf diese Art recht weitgereist zu wirken, das ist Mestre." Dabei wies ich auf das groBe Schild auf dem Bahnsteig. Ach, das!" meinte die Fragestellerin, das kann alles mögliche heiBen." Sie schien förmlich überreist" zu sein; jedenfalls hatte sie die leicht irritierte Art eines Menschen, den man in der Fremde schon mehr als einmal über den Löffel balbiert hat. Man hat uns gesagt", fuhr sie fort, die letzte Station vor Venedig sei Padua, und das ist schon vorbei. - Frank", wandte sie sich einem der Ihren zu, du solltest doch lieber aussteigen and fragen!" Aber Sie können ja gar nicht wieter fahren als bis Venedig", wollte ich soeben aus der Tiefe meiner Weisheit bemerken, als sich der Zug wieder in Bewegung setzte. Diese Dame verriet, wiewohl unbewuBt, bereits die ersten Symptome des venezianischen Fiebers: eine Art allgemeiner Ungláubigkeit. Nicht jeder wird davon befallen. Wenn der anfángliche Schock überwunden ist, gelingt es manchem, binnen Minutenfrist geradezu über Venedig erhaben zu sein oder jedenfalls so zu tun. Diese Menschen können einem nur leid tun. Wer allerdings einmal von der Krankheit befallen ist, den láBt sie nicht mehr los. So wie eine Malaria selbst in kaltem Klima wieder ausbrechen kann, so überkommt den Venedig- Süchtigen mitunter noch nach Jahren ein banges Gefühl von Unwirklichkeit, wenn er der Geliebten ansichtig wird oder auch nur an sie denkt. Schon wenige Augenblicke spáter, als der Zug fast ehrfürchtig, wie mir schien, den Bahndamm entlangfuhr, hatte auch mich Venezia aufs neue in Bann geschlagen. Ich konnte mir nicht versagen, meiner Frau zuzuflüstern: Unglaublich, daB es heutzutage, ja eigentlich seit Erfindung der Kartenvervielfáltigung, noch Menschen gibt, die dieses Juwel nicht so im Kopf habén, wie es wirklich ist und immer war: eine Stadt