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VenedigÜber Venedig liegt zu jeder Jahreszeit, zu jeder Stunde des Tages und der Nacht der Schleier des Wunderbaren, der Dunst des Unwirklichen. Wie aus Luft und Wasser gesponnen, fliessend und verfliessend mit dem funkelnden Widerschein des eigenen Leuchtens auf der Lagune, erscheint vor uns das Bild einer Stadt, die von keinen Gärten und Feldern umgürtet und nirgends von einem Hügelzug gesäumt wird. Auf flachen, flimmernden Horizonten, Farbstrich und Linie auch sie, ruht der schwindelnd hohe Himmel wie auf barem Nichts, und weil es inmitten dieser Unendlichkeit, dieses unauslotbaren Spiegelglanzes eine Begrenzung, etwas Feststehendes und Greifbares nicht gibt, wähnt man sich schwebend in einem Reich der Träume und wie unter dem Einfluss glückseliger Erinnerungen.Keine andre Stadt macht einen solch ungegenwärtigen Eindruck auf uns, mutet dermassen zeitfern und erinnerungshaft, ja unglaubwürdig und beinah unbegreiflich an wie Venedig; gerade deshalb vermag uns auch keine andre Stadt so nachhaltig zu beeindrucken, gefangenzunehmen und zu berücken. Venedigs Zauber wirkt jähre- und jahrzehntelang in uns nach und lockt uns mit dem Ruf von etwas Schönerem und Würdigerem, als es unser Alltag ist. Alle werden wir zu Träumern und Dichtern in Gedanken an Venedig, und so wie die Stadt selbst mit ihren weissen Ufern und roten Palästen, mit ihren schimmernden Kuppeln, ragenden Türmen und geschwungenen Brücken einer ewig bewegten, irisierenden Flut jeden Augenblick neu zu entsteigen scheint, so gemahnen uns Bild und Erinnerung, die wir davon bewahren, an Visionen einer verliebten, an Einfällen unerschöpflichen Phantasie.Venedig ist etwas Besonderes, und nicht von ungefähr sagt Goethe, diese Stadt sei nur mit sichselbst zu vergleichen. Will man sie in sich aufnehmen und begreifen, muss man sie lieben. Lauheit tötet Venedig, Gleichgültigkeit zerstört die Wirkung seiner Eigenart, und ein allzu ausgesprochener Sinn für Zeitnahes und Reales lässt seine Schönheit schal und traurig erscheinen. Es ist bezeichnend, dass Venedig die Stadt für Liebende und Verliebte geworden ist - nicht für Hochzeitsreisende allein, die ja nur eine Szenerie für ihren Honigmond suchen und von der festlichen Musik des Ortes vermutlich mehr nicht als ein angenehmes Gesäusel hören, sondern für Liebende, deren Herzen, ob glücklich oder unglücklich, offenstehn und die mit dem Grafen Platen der Überzeugung sind, dass da, wo Schönheit waltet, auch Liebe walte Liebe, Erinnerung, Traum - setzen wir zu den dreien das vierte, die Vergangenheit, und sprechen wir mit gesenkter Stimme ebendiesem Dichter die Worte nach:Venedig liegt nur noch im Land der Träume,Und wirft nur Schatten her aus alten Tagen.In der Tat, Vergangenheit ist alles und jedes in Venedig, und es kommt einem vor, als sei mit der anrollenden Flutwelle nicht Tang und kleines Seegetier, sondern das sagenhafte Gold einer längst gesunkenen Siegergaleere aus der blauen Adria hergespült worden!Die aussergewöhnliche, absondernde Lage der Stadt und der Umstand, dass die Republik des heiligen Markus ihre Macht schon zu einer Zeit verlor, als die geschlossene Front grosser vergangener Epochen von dem umwälzenden Geist eines neuen Jahrhunderts gesprengt wurde, drängten Venedig in eine Art Statistenrolle und schlössen es vom eigentlichen Spiele aus. Einst tonangebend in der ganzen zivilisierten Welt, fiel es wie eine überreife Frucht