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Stadt aus dem MittelalterDie Frage, wie Paris ist oder Amsterdam oder Zürich oder Rom, kann man mit einiger Genauigkeit beantworten, denn jede von diesen Städten hat einige hervorstechende, das Stadtbild und den Lebensstil ihrer Einwohner beherrschende Charakterzüge: Paris ist elegant und rationalistisch, Amsterdam eine solide alte Handelsstadt, Frankfurt eine Hochkonjunktur-Metropole, Rom immer noch das Zentrum der Mittelmeer-Zivilisation und Zürich Aber Wien? Wie ist Wien?Kaiserstadt aus Tradition, republikanische Hauptstadt aus Notwendigkeit, dank gewisser Neigungen ihrer Bewohner ein Dorf, dank schicksalhafter Verwicklungen eine Weltstadt, dank ihrer Begabung eine Kultur- und Musikstadt, eine Fremdenverkehrsstadt, in der die Fremden schleunigst assimiliert werden, die östlichste Stadt des Westens, zwischen ozeanischem und kontinentalem Klima, zwischen Steppe und Gebirge, nicht an der Donau liegend, jedoch gleichwohl eine Donaustadt, oftmals als sterbende Stadt geschildert, aber derzeit lebendiger denn je die Bilder wechseln und verändern sich je nach Standpunkt und Laune des Betrachters wie die bunten Muster eines Kaleidoskops: unberechenbar, überraschend und niemals endgültig.Aber auch in einem Kaleidoskop kehren, wenn man's nur lang genug dreht, gewisse einander gleiche oder wenigstens ähnliche Kombinationen wieder, Grundmuster sozusagen, aus deren Zerfall sich alle anderen Ornamente ableiten. Und einige solcher Grundmuster, sicherlich nicht alle, sind in diesem Lichtbilderbuch gesammelt worden. Vielleicht, daß sich aus ihrer Betrachtung eine Ahnung oder wenigstens ein Hinweis ergibt, wie Wien wirklich ist. Beschreibbar ist die kaleidoskopartige Wiener Wirklichkeit, allen Versuchen zum Trotz, am Ende ja doch nicht. Möglich, daß Bilder uns der Erkenntnis Wiens näherbringen.Wir beginnen unser Lichtbilderbuch mit einigen Einblicken in das älteste Wien. Sie sollen nicht beweisen, daß es in Wien Kunstdenkmäler aus dem frühen und hohen Mittelalter gibt die sind auch anderswo vorhanden , sondern bezeugen, daß Wien von einem eigentümlichen Gefühl der Zeitlosigkeit erfüllt ist: Bestehendes und Entstehendes, Vergangenheit und Gegenwart und vielleicht sogar die Zukunft besitzen hier gleichen Wert und gleiche Bedeutung. Nicht nur der Stephansdom ist ein Wiener Merkmal, sondern auch die Tatsache, daß er nach tausend Jahren noch das Herzstück Wiens und sogar des ganzen Landes bildet: in Österreich führen alle Straßen zum Stephansplatz. Man könnte einen ganzen Tag in Wien so verbringen, als lebte man im Mittelalter.